Perugia. (rs/dpa) Es geschah in einer kalten Novembernacht in der Via Pergola Nummer 7 in Perugia. Auf ihrem Bett wurde die britische Austauschstudentin Meredith Kercher vergewaltigt und mit dutzenden Messerstichen getötet. Eine Nachbarin will die durchdringenden Todesschreie der 21-Jährigen gehört haben. Der Mord hält seitdem das beschauliche Universitätsstädtchen in Atem, das eher für Kultur und Schokolade bekannt war als für abgründige Sex-and-Crime-Geschichten. Über den genauen Tathergang und darüber, wer für den Mord verantwortlich ist, wurde monatelang diskutiert. Immer wieder brachen Reporterteams fast schon heuschreckengleich über Perugia herein, um Licht in das Dunkel des Falls zu bringen.

2009 war die heute 24-jährige Amanda Knox, die die italienischen Medien "Engel mit Eisaugen" getauft haben, zu 26 Jahren Haft für den Mord an ihrer Mitbewohnerin verurteilt worden. Weder Richter noch Geschworene wollten damals den Unschuldsbeteuerungen der US-Amerikanerin glauben, die sich von ihren Kommilitonen früher gerne "Foxy Knoxy" rufen ließ, was sich auf Deutsch mit "geil" oder "durchtrieben" übersetzen lässt. Nach Überzeugung des Gerichts hatten Knox, ihr damaliger Freund Raffaele Sollecito und der Ivorer Rudy Guede den Mord an Kercher begangen, weil sich diese geweigert hatte, bei vom Drogenkonsum befeuerten Gruppensexspielen mitzumachen. Guede war in einem separaten Schnellverfahren zu 16 Jahren Haft verurteilt worden.

Elf Monate lang kämpfte Knox nun gemeinsam mit Sollecito, der als Mittäter 25 Jahre Haft bekam, um einen Freispruch. Das Urteil in ihrem Berufungsprozess sollte am Montagabend nach Redaktionsschluss fallen. Für die beiden Richter und sechs Geschworenen war der Prozess aber in keinem Fall ein leichtes Unterfangen, denn die Unklarheiten blieben bis zuletzt bestehen. "Ich habe nicht getötet, ich habe nicht vergewaltigt, ich war nicht da", beteuerte Knox noch in letzter Minute - den Tränen nah, mit unsicherer Stimme und in fast fehlerfreiem Italienisch. Sie bezahle mit ihrem Leben für etwas, was sie nicht getan habe, sagte die 24-Jährige. Ihr Ex-Freund Sollecito las tonlos eine ähnlich lautende Stellungnahme vor: "Ich habe niemals jemandem etwas getan."

Schlamperei der Polizei

Die Spannung war zuletzt ins Unerträgliche gestiegen. Schon im Rahmen des ersten Prozesses war Knox zu so etwas wie einem Popstar geworden, der Fanpost und Heiratsanträge in die Zelle geschickt bekam. Dieselben Medien, die Knox bald nach ihrer Festnahme zum diabolischen "Engel" gemacht hatten, überschlugen sich nun schon seit Wochen mit Spekulationen über einen möglichen Freispruch. Unmittelbar vor der Urteilsverkündung wurde das Gericht von mehr als 400 internationalen Reportern belagert.