Genua. (rs) Überall wurde am Montag in Genua aufgeräumt. Mit Schaufeln und großen Kübeln versuchten Freiwillige der teils zentimeterhohen Schlammschicht Herr zu werden, die die verheerenden Unwetter in die Straßen der ligurischen Hauptstadt gespült hatten. Feuerwehrkräfte trugen die Blechberge ab, die das wie ein Tsunami aus den Bergen herabströmende Wasser aus Autos, Motorräder und Rollern geformt hatte.

Die sintflutartigen Regenfälle, die am Wochenende sechs Todesopfer gefordert haben, werden Genua aber auch dann noch beschäftigen, wenn der Schlamm schon längst entfernt wurde und kein zerstörtes Auto mehr an die Katastrophe erinnert. Denn die genuesische Staatsanwaltschaft ermittelt nun wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Herbeiführung einer Naturkatastrophe - vorerst gegen Unbekannt, aber Bürgermeisterin Marta Vincenzi ist bereits ins Kreuzfeuer der Kritik geraten. Der Mitte-links-Politikerin wird dabei unter anderem vorgeworfen, die Schulen trotz der höchsten Unwetterwarnstufe nicht geschlossen zu haben. Eine junge Frau war am Freitag gestorben, als sie ihren 14-jährigen Bruder von der Schule abholen wollte und dabei von einer Flutwelle mitgerissen wurde. Bereits unmittelbar nach dem Unglück hatten sich aufgebrachte Bürger vor dem Rathaus versammelt und Vincenzis Rücktritt gefordert. Mittlerweile hat die Bürgermeisterin auch schon gewisse Entscheidungsfehler eingeräumt.

Die eigentlichen Sünden, die die Staatsanwaltschaft nun aufdecken soll, liegen aber schon Jahre, wenn nicht Jahrzehnte zurück. Italienischen Umweltexperten zufolge wurden in der Vergangenheit auch in sensiblen Lagen immer mehr Flächen zubetoniert, sodass der Boden bei heftigen Niederschlägen immer weniger Wasser aufnehmen kann. Vor allem in Städten wie Genua, die skuzessive in die dahinterliegenden Berghänge hineinwachsen, werden die betonierten Straßen dann zu richtigehenden Sturzbahnen für das Wasser. Teilweise wurden in der ligurischen Hauptstadt sogar ganze Flüsse überdeckt oder eingemauert.

Nach Ansicht der nun ermittelnden Staatsanwaltschaft ging diese Betonierungswut zudem Hand in Hand mit nicht beachteten Sicherheitsvorkehrungen und einer fast schon notorischen Umgehung der Bauordnung. In vielen Fällen soll auch Schmiergeld geflossen sein, damit die Bauherren frei nach ihren Wünschen und unbelastet von behördlichen Zwängen agieren konnten.

Dass das alles zu massiven Problemen führen kann, ist aber bereits seit langem offensichtlich. Schon 1970 kamen in Genua 25 Menschen bei Überschwemmungen ums Leben. In ganz Italien fielen in den vergangenen 50 Jahren 3407 Menschen Erdrutschen oder Überschwemmungen zum Opfer. Angesichts der jüngste Katastrophe scheint sich derzeit aber immerhin eine größere politische Diskussion zu entwickeln. Beschäftigen wird das Thema die italienischen Politiker in den nächsten Tagen noch auf alle Fälle. In Norditalien blieb der Unwetteralarm am Montag aufrecht. In Turin blieben alle Schulen geschlossen, in Mailand wurden mehrere Straßen überflutet. Der Po, dessen Pegel über fünf Meter gestiegen war, dürfte hingegen nicht über seine Ufer treten.