Wien. Die Frauen mussten sich fast rund um die Uhr prostituieren, die Männer wurden zum Betteln gezwungen. Das erwirtschaftete Geld mussten sie abgeben. Wer nicht spurte, wurde grün und blau geschlagen. In Zusammenarbeit mit den bulgarischen Kollegen hat die österreichische Polizei einen Menschenhändler-Ring auffliegen lassen. Seit September 2010 liefen die Ermittlungen, wie das Innenministerium mitteilte - 22 Verdächtige wurden ausgeforscht. Sie stammen alle aus derselben bulgarischen Familie und sollen 28 Frauen sowie drei Männer aus der Region Montana nach Österreich gebracht und hier ausgebeutet haben.

Einer der Täter wurde bereits vergangene Woche nicht rechtskräftig zu zehn Jahren Haft und zur Zahlung von 30.000 Euro Schadenersatz an eines der Opfer verurteilt. Sie war die Ehefrau des Täters - überhaupt werden die Opfer meist durch die "Loverboy"-Methode geködert: Die Täter spielen den Frauen die große Liebe vor und versprechen ihnen ein gutes Leben im Ausland, wo sie dann arbeiten müssen.

Lob für "Operation Montana"

"Die Opfer sehen sich nicht als solche. Sie kommen erst nach Monaten dahinter, dass sie von dem Geld nichts sehen", sagte Gerald Tatzgern, Leiter der Zentralstelle zur Bekämpfung der Schlepperkriminalität im Bundeskriminalamt. Innenministerin Johanna Mikl-Leitner lobte die Operation als "gelungen", nun gelte es, die Opfer zu schützen.

Auch Evelyn Probst, Koordinatorin der Interventionsstelle für Betroffene des Frauenhandels beim Beratungsverein "Lefö", wo die meisten Opfer betreut werden, spricht von einer "hervorragenden Arbeit" der Polizei. Sie hofft nun, dass für die anderen Opfer eine ähnliche Entschädigung möglich ist - denn die 30.000 Euro waren bisher die höchste Summe, die einem Menschenhandelsopfer zugesprochen wurde.

Allerdings gibt sie zu bedenken, dass der Staat die Zahlung sicherstellen müsste - zum Beispiel springe in den Niederlanden der Staat ein, wenn der Täter nicht zahlt. Auch Helga Konrad, Ex-Frauenministerin und ehemalige OSZE-Beauftragte zur Bekämpfung des Menschenhandels, fordert eine Entschädigung der Opfer durch den Staat. Daneben müsse sichergestellt werden, dass die Frauen nicht einfach wieder in ihre Heimat abgeschoben oder zur "freiwilligen Rückkehr" angeleitet werden. Denn ohne Rücksichtnahme auf die dahinterliegende Situation komme es oft zu "Recycling": Innerhalb kürzester Zeit würden die Frauen erneut zum Opfer von Menschenhandel.

Nur wenige Verurteilungen

In Österreich erhalten Betroffene einen besonderen Schutz und dürfen nicht abgeschoben werden. Allerdings ist die Schwelle, als Opfer anerkannt zu werden, sehr hoch. Dieser Status hängt nämlich an einer Verurteilung des Täters - wird dieser im Zweifel freigesprochen, haben auch die mutmaßlichen Opfer kein Aufenthaltsrecht mehr. Und weil Menschenhandel als Delikt schwer nachweisbar ist, kommt dies relativ oft vor. So gab es im Jahr 2009 zwar 75 Anzeigen wegen Menschenhandels (siehe Grafik), laut Justizministerium aber nur vier Verurteilungen. 2010 waren es 18 Anzeigen und zwei Verurteilungen. Probst fordert daher die Anerkennung von Menschenhandelsopfern durch eine Expertenkommission - unabhängig von einer Verurteilung des Täters.

Die Frauen erholen sich laut Probst langsam wieder, viele wollen nach Bulgarien zurückkehren. Sie waren bis zu ein Jahr in der Gewalt der Täter - die Dauer sei aber nebensächlich: "Die Würde eines Menschen kann man innerhalb kürzester Zeit brechen."