Lüttich. Ein brutales Attentat hat am Dienstag das belgische Lüttich erschüttert. Ein 33 Jahre alter Mann hat um die Mittagszeit auf einem Platz mitten im Zentrum der 200.000-Einwohner-Stadt in die Menge geschossen und mehrere Granaten gezündet. Er soll sich danach selbst erschossen haben. Die belgische Staatsanwaltschaft sprach zunächst von einem weiteren Toten und über 60 Verletzten, bis Redaktionsschluss ist die Zahl auf 123 Verletzte gestiegen. Die Nachrichtenagentur Belga berichtete später sogar von insgesamt vier Toten. Bei den Opfern soll es sich um zwei junge Männer im Alter von 15 und 17 Jahren und eine 75-jährige Frau handeln.

Ein terroristischer oder rechtsradikaler Hintergrund wurde vorerst aber ausgeschlossen. "Der Täter handelte alleine", erklärte der Lütticher Bürgermeister Willy Demeyer den Medien. Der 33-jährige Schütze war für die Polizei bereits kein Unbekannter gewesen. Vor einigen Wochen hatten die Behörden bereits seine Wohnung durchsucht und dabei Waffen gefunden. Im September 2008 war er wegen Drogenhandels und Waffenbesitzes zu 58 Monaten Haft verurteilt worden. Damals hatte die Polizei fast 3000 Cannabis-Pflanzen in seiner Wohnung gefunden. Wegen Drogendelikten sollte der Mann auch jetzt bei der Polizei aussagen, eine entsprechende Vorladung war bereits zugestellt worden.

Chaos in der gesamten Stadt


In der Stadt nahe der deutsch-belgisch-niederländischen Grenze herrschte nach dem Attentat stundenlang Chaos. Zunächst war unklar, ob weitere Männer an dem Blutbad beteiligt waren. Die Polizei suchte unter anderem mit einem Hubschrauber nach eventuellen Komplizen.

Was genau passiert ist, müssen nun die Untersuchungen zeigen. Ein Augenzeuge berichtete dem belgischen Fernsehen, er habe einen Mann in Militärkleidung gesehen, der Granaten in die Menge geworfen hat. Andere Personen sagten, ein Mann habe vom Dach einer Bäckerei mit einer Kalaschnikow auf den Platz geschossen. Der 33-Jährige hatte laut Staatsanwaltschaft allerdings lediglich einen Revolver und kein Gewehr bei sich gehabt.

Die Verletzten wurden in die umliegenden Krankenhäuser gebracht. Sie standen unter Stock oder waren von den Schüssen oder Granaten getroffen worden. Ein Kleinkind schwebte am Dienstagnachmittag noch in Lebensgefahr. Ein Mann musste sofort notoperiert werden.

Der Saint-Lambert-Platz, auf dem das Attentat passierte, war um die Mittagszeit sehr belebt gewesen. Zahlreiche Geschäfte, große Warenhäuser und Restaurants liegen hier. Als die Schießerei begann, rannten die Menschen in Panik auseinander. Viele versteckten sich in den anliegenden Geschäften, aus denen die Polizei sie später evakuierte. Das belgische Fernsehen zeigte Bilder von Blutlachen auf den Gehwegen und Menschen, die vor der Gefahr flüchteten. Die Innenstadt wurde für mehrere Stunden gesperrt. Auch der Busverkehr wurde vorübergehend unterbrochen. Das Mobilfunknetz brach zusammen.

Und es hätte für das kulturelle Zentrum des französischsprachigen Wallonien sogar noch schlimmer kommen können. Eigentlich sollte der Weihnachtsmarkt in der Stadt bereits eröffnet werden. Aber der Bürgermeister hatte die Eröffnung auf Grund des schlechten Wetters und starken Windes verschoben.

Elio Di Rupo, der neue belgische Premierminister, wollte noch am Dienstagnachmittag nach Lüttich fahren, um sich von der Situation ein Bild zu machen.

Für die Stadt, die nur eine gute halbe Autostunde von der deutschen Grenze entfernt liegt, war es bereits die zweite Katastrophe innerhalb kurzer Zeit. Im September vergangenen Jahres starben bei einer Gasexplosion in der Innenstadt 14 Menschen.