Lüttich. (rs) "Warum?" steht in Französisch, Deutsch und Englisch auf einem der kleinen Plakate geschrieben, die die Angehörige der Opfer auf dem Saint-Lambert-Platz aufgestellt haben. Noch immer geht ihnen nicht ein, warum der 33-jährige Nordine Amrani am Dienstag mitten im Herzen von Lüttich wild um sich geschossen und mehrere Granaten gezündet hat. Noch immer verstehen sie nicht, warum fünf Menschen sterben mussten und mehr als 120 weitere verletzt wurden.

Auch die belgische Polizei kann noch keine Antwort darauf geben, einen Tag nach dem tödlichen Attentat gibt es aber zumindest erste Hinweise auf ein mögliches Motiv. Laut der zuständigen Staatsanwältin Daniele Reynders war der 33-jährige Amokschütze am Tag der Tat wegen eines mutmaßlichen Sittlichkeitsvergehens zu einem Polizeiverhör geladen gewesen. Einem Bericht der Zeitung "Le Soir" zufolge sollen bei dem Delikt unerwünschte "Berührungen" eine Rolle gespielt haben. Die Anzeige war ursprünglich gegen "Unbekannt" ergangen, Amrani konnte aber wegen eines am Tatort gefundenen Kennzeichens von der Polizei ausgeforscht werden.

Laut seinem Anwalt hat sich der Amokschütze, der erst im Oktober 2010 aus dem Gefängnis entlassen wurde, durch die vielen Prozesse "verbraucht" und von der Polizei "belästigt" gefühlt. Der 33-Jährige hatte laut Reynders sein Leben lang mit der Justiz zu tun gehabt. Er wurde unter anderem rund 20 Mal wegen Waffen- und Drogenbesitzes, Hehlerei und Sittlichkeitsverbrechen verurteilt. Zuletzt war Amrani zu fünf Jahren Haft verurteilt und nach drei Jahren auf Bewährung entlassen worden.

Weitere Leiche im Haus

Neben dem detaillierten Motiv kämpft die Polizei derzeit aber noch mit einem weiteren Fragezeichen. In einem Depot, das der Amokschütze für seine Cannabis-Pflanzungen genutzt hat, fanden die Ermittler in der Nacht auf Mittwoch die Leiche einer Frau. Die 45-Jährige war bei Amranis Nachbarin als Putzfrau tätig gewesen, in welcher Beziehung sie zum Täter stand, ist aber noch völlig unklar.

Mit der Putzfrau hatte sich die Zahl der Toten auf fünf erhöht. Ein 17 Monate altes Kleinkind war noch in der Nacht auf Mittwoch im Krankenhaus seinen schweren Verletzungen erlegen. Eine 75-Jährige war am Dienstag hingegen irrtümlich zu den Toten gerechnet worden. Die Frau lag am Mittwochnachmittag noch mit schwersten Verletzungen im Spital. Amrani hatte sich selbst nach der Tat gerichtet. Laut Auskunft der belgischen Rechtsmediziner schoss es sich dabei mitten in die Stirn.