Für Bürgermeister Boris Johnson weist "Boris Island" den einzig möglichen Weg aus Britanniens aktuellem Flugverkehrs-Dilemma. Binnen zwanzig Jahren werde die Zahl der Passagiere im Land "von 240 auf 460 Millionen" steigen, behauptet der Bürgermeister. Bisher gebe es "keine Strategie", um einen so steilen Anstieg aufzufangen. Heathrow sei am Ende, sagt Johnson. Es befinde sich "im Grunde am falschen Platz", inmitten dichtbesiedelter Gebiete im Westen Londons, und vertrage keinen weiteren Ausbau.

Dagegen könne mit einem Neubau im Osten der niederländischen, deutschen, französischen Konkurrenz Paroli geboten werden. Zehntausende von Arbeitsplätzen stünden auf dem Spiel, meint Johnson. "Unsere Freunde auf dem Kontinent lachen sich ja schon kaputt über unsere Unschlüssigkeit." Auch für die Finanzierung hat der Bürgermeister schon ein Rezept parat: Die Kosten für "Boris Island" könnten ja globale Hedgefonds oder auch reiche Gönner, zum Beispiel aus China, übernehmen. Zumindest einige dieser Gedanken scheinen nun auch bei Regierungschef Cameron auf fruchtbaren Boden zu fallen. Schatzkanzler George Osborne ist jedenfalls bereit, "jede Chance für wirtschaftliche Regeneration" in Augenschein zu nehmen.

Kritisch eingestellt sind noch die Liberaldemokraten, die Koalitionspartner der Konservativen. Vize-Premier Nick Clegg hat die kommenden Konsultationen akzeptiert, sieht sich aber unter Druck, der Umwelt zuliebe jeglichen Ausbau des Flugverkehrs in Südost-England zu unterbinden. Der frühere Labour-Bürgermeister Londons, Ken Livingstone, der übrigens im Mai erneut gegen Johnson um das Bürgermeisteramt antritt, hält den Plan für "verrückt". Auch Ryanair-Boss Michael O’Leary ist dagegen. Das Vorhaben sei "vollkommen bescheuert", meint O’Leary.

Die Grünen sind bereits auf den Barrikaden. In der Themsemündung nisten jedes Jahr hunderttausende rare Zugvögel. Die wären dann nicht nur selbst in Gefahr, sondern zugleich auch ein Sicherheitsrisiko für den Flugverkehr, warnen die Umweltschützer. Ganz zu schweigen vom Fluglärm, dem die Einwohner in der Grafschaft Kent ausgesetzt wären.

Auch andere Argumente gegen den Bau werden bereits vorgebracht. Lokalpolitiker schütteln die Köpfe darüber, dass Flugzeuge in unmittelbarer Nachbarschaft enormer Flüssiggas-Fabriken landen sollen. Selbst ein im Zweiten Weltkrieg in der Themsemündung versenktes US-Kriegsschiff soll ein "unkalkulierbares Risiko" darstellen, denn die "Richard Montgomery" ist bis heute vollgestopft mit hochexplosiver Ladung. Ein Mega-Flughafen gleich neben ihr, meinen Kritiker, wäre "keine so gute Idee".