Sendai. Es war bereits beschlossene Sache: Bis 2030 sollte die Kernenergie zur wichtigsten Energiequelle Japans werden. Zusätzlich zu den bisherigen 54 Reaktoren sollten mindestens 14 weitere ans Netz gehen und 53 Prozent der Energie erzeugen. Die große Energiewende im Kampf gegen den globalen Klimawandel und im Einsatz für erhöhte Versorgungssicherheit war vor allem als Wachstumsstrategie für den ohnehin schon starken Atomstromsektor geplant. Knapp 30 Prozent der Energie hat die Kernkraft im Jahr 2010 bereitgestellt. Die Förderung erneuerbarer Energien sollte im "Plan zur Entwicklung des Energiesektors bis 2030", den Japans Regierung im Juni 2010 auf den Weg brachte, hingegen nur eine marginale Rolle spielen. Japans Energiestrategen versprachen, den geringen Anteil erneuerbarer Energien von lediglich 1,1 Prozent (Wasserkraft ausgenommen) bis 2030 auf 12 Prozent zu erhöhen.

Doch der Super-Gau in Fukushima hat Japans Anzen Shinwa, den Mythos der sicheren Atomkraft, gebrochen. Während Energiekonzerne wie etwa Tepco noch vor Jahren mit putzigen Figuren wie der kleinen Uran-chan unbeschwert Werbung für Atomstrom machen konnten, müssen sich die AKW-Betreiber nun um die Zukunft ihrer Kernenergie sorgen. Der wachsende Widerstand gegen den Atomkonsens früherer Jahre ist dabei unübersehbar. Einer Umfrage der "Asahi Shimbun" zufolge forderten im Dezember 2011 insgesamt 77 Prozent der Bevölkerung eine schrittweise Reduzierung der Atomstromabhängigkeit. Umstritten ist vor allem, ob Japans Nuklearanlagen einer ähnlichen Katastrophe wie dem Erdbeben vom 11. März tatsächlich standhalten.

Stresstests stoppen AKW

Um der stark gewachsenen Zahl von Atomkraftgegnern den Wind aus den Segeln zu nehmen, hatte Japan im Juli 2011 beschlossen, alle Atommeiler im Rahmen von Stresstests umfassend zu überprüfen. Mit dieser Beruhigungsmaßnahme hat sich Japan allerdings auch stillschweigend von der Atomkraft verabschiedet - zumindest vorübergehend. Am Freitag fuhr Chugoku Electric Power den letzten ihrer beiden Reaktoren im Kraftwerk Shimane zur Überprüfung herunter. Damit produzieren nur noch drei von Japans 54 Meilern Strom, und Ende Mai wird auch das letzte AKW vom Netz gehen. Ob die Reaktoren wieder hochgefahren werden, ist derzeit noch mehr als unklar. So hat Japans verantwortliche Behörde für Reaktorsicherheit zwar im Jänner mit dem AKW Ohi den ersten Stresstest abgenommen und dem Betreiber Kansai Electrics die Sicherheit der Anlage bestätigt. Aber für die Inbetriebnahme bedarf es der Zustimmung der lokalen Behörden in der Region Fukui. Vier Kraftwerke hat man in der Region gebaut, und nun ist man sich auch hier ob der Sicherheit der einst gepriesenen Kernenergie alles andere als überzeugt: Die Erteilung der Betriebserlaubnis, früher nicht mehr als simpler Formalakt, steht in den Sternen. Auch andere Präfekturen und Städte wollen mit Rücksicht auf die Bevölkerung die Zustimmung zur Wiederinbetriebnahme verweigern. So soll das Kraftwerk in Niigata, das das größte in Japan ist, auch dann nicht mehr ans Netz gehen, wenn der Stresstest positiv ausfällt.

Erdgas als Lückenbüßer

Industrie und Wirtschaft machen indes Druck. Sie fürchten, der Atomausstieg wird im heißen japanischen und energieintensiven Sommer zu erheblichen Versorgungsengpässen führen und damit Japans Wirtschaft beeinträchtigen. Besonders Kansai Electrics, die mit Kansai eine der wichtigstens industriellen Regionen Japans versorgen, bezieht 52 Prozent ihres Stroms aus der Kernenergie. Doch auch für den Rest von Japan verheißen die im Oktober von den Stromkonzernen vorgelegten Prognosen nichts Gutes. Sollten die Kraftwerke nicht wieder ans Netz gehen, wird sich landesweit eine Energielücke von 9,2 Prozent auftun. Wirtschaftsminister Yukio Edano bezeichnete die drohenden Ausfälle bereits vor einer Woche als "extrem schwerwiegend."

Den Japanern steckt vor allem noch der letzte Sommer in den Knochen. Um 15 Prozent mussten die Großverbraucher auf Regierungsanweisung ihren Stromverbrauch drosseln. Fabriken setzten Wochenendschichten ein, um ihren Verbrauch in Spitzenzeiten zu senken, überfüllte Pendlerzüge fuhren trotz schwüler Hitze mit weit über 30 Grad Celsius ohne Klimaanlage, und in vielen Büros war nur die Hälfte der Beleuchtung in Betrieb. Manche Sachbearbeiter mussten gar mit dem Licht auskommen, das ihr Computer abgab. Damals waren allerdings noch durchschnittlich 20 Reaktoren in Betrieb gewesen.

Angesichts der Gefahr, dass es in diesem Sommer noch viel schlimmer kommen könnte und Japan ohne einen einzigen stromproduzierenden Reaktor dasteht, will Edano nun so viele "alternative Energiequellen" wie möglich finden. Alternativ heißt in Japan allerdings nicht notwendigerweise erneuerbar. Im vergangenen Jahr hatte man die immer größer werdende Energielücke vor allem mit der Einfuhr von Erdgas bekämpft. Im ebenfalls noch recht energieintensiven September 2011 lagen die Importe von Flüssigerdgas 55,7 Prozent über den Vorjahrswerten. Auch der Bau von neuen thermischen Kraftwerken wurde zuletzt fieberhaft vorangetrieben.