In die private Sambhavna-Klinik, die inmitten eines Armenviertels in Bhopal liegt, kommen auch 25 Jahren nach der größten Chemiekatastrophe der Welt täglich noch mehr als 150 Patienten. Viele von ihnen leiden an chronischen Atemwegserkrankungen, die 40 Tonnen hochgiftigen Methhlisocyanats, die bei Reinigungsarbeiten aus der zur Hälfte dem US-Konzern Union Carbide gehörenden Pestizidfabrik austraten, haben Lungen und Bronchien nachhaltig verätzt.

Auf ein Gerichtsurteil gegen die verantwortlichen Mitarbeiter von Union Carbide mussten die unzähligen Betroffenen allerdings so lange warten, dass viele von ihnen es gar nicht mehr miterleben konnten. Erst am Montag hat ein Gericht in dem 1987 eröffneten Verfahren erste Schuldsprüche gegen ehemals leitende Angestellte des Konzerns, der seit 2001 dem US-Chemieriesen Dow Chemicals gehört, gefällt. Die acht indischen Mitarbeiter - darunter auch der frühere Chef des indischen Tochterunternehmens von Union Carbide - wurden der "fahrlässigen Tötung" für schuldig befunden. Das Strafmaß blieb mit zwei Jahren Haft auf Bewährung aber deutlich unter der möglichen Höchststrafe. Auch das indische Nachfolgeunternehmen von Union Carbide kam billig davon: Es muss umgerechnet 8700 Euro Strafe zahlen.

"Wie ein Verkehrsunfall"

Für indische Bürgerrechtler wie Satinaht Sarangi ist das Urteil freilich ein "juristisches Desaster". Die Richter hätten die größte Industriekatastrophe wie einen gewöhnlichen Verkehrsunfall behandelt. Mehrere Bürgerrechtsgruppen wollen daher auch vor dem Obersten Gerichtshof gegen das Urteil berufen. Unmut hat bei den Betroffenen aber nicht nur das milde Urteil ausgelöst.

Auch ein großer Name hatte am Montag auf der Anklagebank gefehlt. Warren Anderson, der frühere Vorsitzende von Union Carbide, war zwar vom Gericht ursprünglich als Angeklagter geführt worden, musste dann jedoch für "flüchtig" erklärt werden. Allzu viel dürfte sich daran wohl auch in Zukunft nicht ändern: Um die Auslieferung Andersons aus den USA hatte sich die indische Regierung schon jahrelang vergeblich bemüht. Und Union Carbide betrachte die Gaskatastrophe als abgeschlossenes Kapitel der Firmengeschichte. Im Rahmen der 1989 vereinbarten Entschädigungszahlung erhielten eine halbe Million Geschädigte und die Familien von 15.274 Toten eine Einmalzahlung in Höhe von wenigen hundert Euro.