Neu Dehli. Wenn die Agenten des Wandels kommen, steht ihre Ausrüstung meist im krassen Kontrast zu ihrem Arbeitsumfeld. Die Räume, in denen die Mitarbeiter des Technologieunternehmens Wipro ihre Laptops, Iris-Scanner und Fingerabdrucklesegeräte aufbauen, repräsentieren auch in baulicher Hinsicht die marode Lage, in der sich die lokalen und kommunalen Verwaltungsbehörden Indiens befinden. Wänden, von denen seit Jahren der Putz bröckelt, zugige Fenster, klapprige Ventilatoren und, wenn man Pech hat, auch ein Schwarm Moskitos dominieren fast überall auf dem Subkontinent die Amtsstuben und die daran angeschlossenen Einrichtungen.

Doch auch wenn der Rahmen für das alte Indien steht, das weit weg ist von moderner Autoproduktion und den Silicon-Valley-Fantasien Bangalores, bringen die Wipro-Mitarbeiter die Zukunft und das neue Indien mit. Gemeinsam mit zehntausenden anderen Vertragsnehmern sollen sie ein Projekt verwirklichen, das in seiner Kernforderung zwar schlicht klingt, in Wahrheit aber wohl die größte Verwaltungsreform in der Geschichte des Landes darstellt: Bis 2014 soll zumindest die Hälfte der rund 1,2 Milliarden Inder eine eigene unverwechselbare ID-Nummer und den dazupassenden Personalausweis bekommen.

Mit diesen als UID (Unique Identification) bezeichneten Zahlencodes zeichnet sich aber nicht nur eine Vereinfachung des nahezu undurchdringlichen indischen Verwaltungsdschungels ab, für Millionen von Menschen bedeuten diese Nummern nichts weniger, als erstmals in ihrem Leben einen Beleg dafür zu haben, dass sie überhaupt existieren. Denn über eine Geburtsurkunde, ein Schulzeugnis oder eine Meldebestätigung verfügt nur eine Minderheit im Land, vor allem die Armen betreten und verlassen diese Welt oft, ohne dass der indische Staat überhaupt Notiz von ihnen genommen hat.

Ohne belegbare Identität gibt es allerdings auch keinen verlässlichen und unwidersprochenen Zugang zu staatlichen oder wirtschaftlichen Institutionen. So drängen zwar immer mehr ausländische Banken ins Land, aber drei Viertel der Inder können kein Konto eröffnen, weil sie über keine Ausweise oder sonstigen Identitätsnachweise verfügen. Selbst der Abschluss von einfachen Verträgen ist in einem Land, wo man selbst für den Erwerb einer Mobilfunkwertkarte fast zehn verschiedene Dokumente und zwei Fotos beibringen muss, ohne Ausweis so gut wie unmöglich. Schwer haben es hier sogar schon jene, die ihre Identität belegen können: Ist etwa der Meldezettel oder ein anderes der verlangten Dokumente zweifelhaft, kommt der Vertrag im Regelfall nicht zustande. Oft reicht es sogar, wenn eines der Fotos nicht akkurat genug ausgeschnitten ist.