Frankfurt. In Europa sind inzwischen schon über tausend Landwirtschaftsbetriebe betroffen, davon allein in Deutschland schon fast 750 Bauernhöfe. Zwar überwinden erwachsene Tiere eine Ansteckung nach einem leichten Fieberanfall schnell - wenn sie überhaupt Symptome zeigen. Wird jedoch ein Fötus mit dem Schmallenberg-Virus infiziert, hat das grässliche Folgen. Lämmer, Zicklein oder Kälber kommen tot oder missgebildet zur Welt. Versteifte Gliedmaßen, ein fehlendes Kleinhirn, ein grotesk verbogener Hals sind Zeichen einer Schädigung durch das Virus, das zudem die Fruchtbarkeit beeinträchtigt.

Laut Schätzungen sind tausende Jungtiere dem Schmallenberg-Virus erlegen. Manche Betriebe melden einen Verlust von einem Drittel der Neugeborenen. Die Muttertiere hatten sich im vergangenen Sommer oder Herbst angesteckt. Rinderzüchtern könnte das Schlimmste noch bevorstehen, da Kühe länger tragen als Schafe und Ziegen. Kälber kommen meist erst Ende Februar oder Anfang März zur Welt.

Neben deutschen Bauern sind mittlerweile auch Landwirte in den Niederlanden, Belgien, Großbritannien, Frankreich, Italien und Luxemburg betroffen. In Deutschland liegt der Schwerpunkt der Infektion im Norden und Westen, aber auch aus Baden-Württemberg und Bayern wurden Ansteckungen gemeldet. Aus Österreich und der Schweiz sind im Augenblick offiziell noch keine Ansteckungen gemeldet worden. In Österreich nehmen die Behörden die Bedrohung aber sehr ernst. Darum haben das Gesundheitsministerium und die Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit für heute, Mittwoch, zu einer Informationsveranstaltung geladen.

"Es ist ein für unsere Breiten neues Virus, es trifft also auf eine komplett ungeschützte Population", erläutert Veterinärmediziner Klaus Osterrieder von der Technischen Universität (TU) Berlin den Grund für die blitzartige Ausbreitung des Virus, das in ähnlicher Form sonst nur in Asien, Afrika und Australien vorkommt. Die TU sucht ebenso fieberhaft nach einem Impfstoff wie das Friedrich-Loeffler-Institut (FLI).

Menschen nicht gefährdet

Wissenschafter des FLI hatten den Erreger im vergangenen November erstmals bei einer Probe von einem Hof bei Schmallenberg im Sauerland nachweisen können - daher der Name "Schmallenberg-Virus". "Wir haben ganz bewusst darauf verzichtet, Patente auf unsere Entdeckungen zum Schmallenberg-Virus anzumelden", sagt FLI-Präsident Thomas Mettenleiter. Damit soll europaweit die Forschung nach einem Serum erleichtert werden.

Neuansteckungen sind in den nächsten Wochen noch nicht zu befürchten, da das Virus von Stechmücken übertragen wird, die erst ab April wieder ausschwärmen. Dann allerdings wird es für die Tierzüchter kaum ein Gegenmittel geben. Bis ein wirksamer Impfstoff gefunden ist, dürften laut Expertenansicht mehr als eineinhalb Jahre vergehen. Schutz gegen Mückenstiche ist bei den Herdentieren praktisch unmöglich. Die Hoffnung ruht nun auf einem Impfstoff aus Japan, wo der eng verwandte Akabane-Virus schon lange bekannt ist. Das FLI muss dessen Wirkung auf das Schmallenberg-Virus aber noch untersuchen. Ob sich auch Wildtiere infizieren können, steht nach Angaben der Tierseuchen-Experten noch nicht fest.

Eine positive Nachricht gibt es allerdings. Das Virus ist laut Angaben des Europäischen Zentrums für Seuchenvorbeugung und -kontrolle mit größter Wahrscheinlichkeit nicht auf den Menschen übertragbar - weder durch Mückenstiche noch durch Fleischverzehr. Erfahrungen aus Japan mit dem Akabane-Virus haben zudem gezeigt, dass die Muttertiere auf Dauer immun werden und sich die Seuchenausbreitung deshalb verlangsamt.