"Wiener Zeitung": Der Trend, dass der Individualtourismus zunimmt und der Pauschaltourismus zurückgeht, ist seit längerem zu beobachten. Was hat dazu geführt?

Wer im Alleingang seine individuelle Reisenische finden will, reist laut Andreas Reiter mitunter teurer als übers Reisebüro. Foltin/WB - © FOLTIN Jindrich / WB
Wer im Alleingang seine individuelle Reisenische finden will, reist laut Andreas Reiter mitunter teurer als übers Reisebüro. Foltin/WB - © FOLTIN Jindrich / WB

Andreas Reiter: Die neuen Technologien haben zu einer Veränderung des Konsumverhaltens geführt: Sie treiben die Individualisierung des Tourismus voran. In rasender Geschwindigkeit haben sich Unmengen an neuen Formen entwickelt, wie man zum Beispiel Hotels buchen kann. Nicht nur übers Internet - auch auf dem Smartphone gibt es schon zahlreiche Apps. Das Angebot ist unglaublich dicht.

Reiseplanung mit neuen Technologien: Betrifft das - und somit auch der Individualtourismus - eher die jüngeren Generationen?

Freilich ist das Reise- und Planungsverhalten je nach Alter ein anderes. Neben der Altersgruppe ist aber auch das Ziel ein wesentlicher Faktor: Je komplexer eine Reise ist, desto eher nimmt man Beratung in Anspruch. Bei einer Reise mit Besichtigungen und Klippenwanderung vertraut man gerne auf die Spezialisten im Reisebüro. Fliegt man nur nach Hamburg oder Berlin, ist man mit der Buchung via Smartphone viel mobiler. Hat man etwa eine Besprechung, die länger dauert als gedacht, kann man mittels App einfach den Rückflug verschieben.

Verändern sich mit dem Reiseverhalten auch die Destinationen?

Sie werden kleiner, spezialisierter. Montenegro ist ein neues Reiseziel. Oder Albanien, ein ganz spannendes Land. Derzeit mangelt es hier aber noch an der Infrastruktur.

Wie können die Reiseanbieter mithalten und den Pauschaltourismus wieder attraktiver machen?

Indem sie Mischformen anbieten und das Reiseangebot erweitern, was bereits der Fall ist. Man kann zum Beispiel Modularbausteine buchen, was bedeutet, dass nur ein bestimmter Teil der Reise pauschal ist und der Rest individuell. Schwierig wird es bei Städtereisen: Hier versuchen die Reiseanbieter, mit Attraktionen zu punkten. Für einen Theaterliebhaber macht es vielleicht Sinn, wenn er ein Package mit Musical buchen kann. Mittlerweile gibt es einen ganzen Supermarkt an Aktivitäten zum Mitbuchen.

Wenn man diese und den Rest der Reise selbst organisiert: Ist das billiger, als die Arbeit einem Reisebüro zu überlassen?

Es ist interessant, aber dieses Bestreben, alles so zu buchen, wie man es selbst will, um seine individuelle Nische beim Reisen zu finden, kann ins andere Extrem kippen. Bis zu einem bestimmten Punkt ist es lustig - dann nimmt die Komplexität derart zu, dass diese Form des Reisens gar nicht mehr die günstigste ist. Vor allem wenn man all die Zeit rechnet, die man investiert hat.

Reisebüros können hingegen mit Pauschalpreisen punkten. Außerdem gibt es Frühbucherrabatte, die für eine bestimmte Zielgruppe nicht unwichtig sind. Oder Reisen in heikle Gebiete wie Nordafrika: Wenn es hier gefährlich wird, hat man die Garantie und die Chance, frühzeitig zurückzufliegen - auch das spricht für große Reiseanbieter.

Die bestimmte Zielgruppe, für die Frühbucherrabatte nicht unwichtig sind: Welche Gruppe ist das?

Familien, die einen Sun-and-Beach-Urlaub buchen - der Hauptmarkt im Reisegeschäft. Obwohl die Städtereisen rasant aufholen, macht er noch immer mehr als 50 Prozent aus. So einen Urlaub stellt man sich nicht selbst zusammen. An der Riviera mit Sand und Sonne - da will man sich einfach verwöhnen lassen.

Zur Person

Andreas Reiter

Der Zukunfts- und Trendforscher studierte Soziologie und Dolmetsch. 1996 gründete er das ZTB-Zukunftsbüro in Wien, das Trend-Analysen durchführt und zum Beispiel Unternehmen bei strategischem Marketing berät. Zudem ist er Referent bei Kongressen, Lehrbeauftragter sowie Buchautor.

"Je komplexer eine Reise ist, desto eher nimmt man die

Beratung im Reisebüro in Anspruch."