Wien. Lautlos öffnet sich die gelb umrandete, automatische Schiebetür. Dahinter erstreckt sich ein Supermarkt mit zahlreichen Gängen, dessen Angebot unüberschaubar wirkt. In einer Ecke steht ein Kaffeeautomat. Ein ganz normaler Supermarkt also? Weit gefehlt. Fällt doch beim genaueren Hinsehen auf, dass sich in den schlichten Drahtschütten nur gleichartige Produkte aneinanderreihen. Ob Hühnergeschnetzeltes in der Dose, Taco-Chips, Schokoladekekse oder Windeln: Es gibt sie in je einer Sorte - und von dieser dafür unzählig viele.

Bei diesem vermeintlichen Supermarkt handelt es sich um den größten Sozialmarkt Österreichs in Wien-Donaustadt, der am 23. April eröffnen wird. Früher spazierten in demselben Lokal Meinl-Kunden ein und aus, wie Sozialmarkt-Gründer Alexander Schiel am Donnerstag vor Journalisten erzählte. Künftig werden auf den 600 Quadratmetern Grundfläche nur sozial Bedürftige mit einem monatlichen Nettoeinkommen von weniger als 900 Euro zum Einkauf berechtigt sein.

Der Sozialmarkt in Wien-Donaustadt ist der dritte seiner Art. Der erste eröffnete im Mai 2008 in Favoriten, ein weiterer in Hernals folgte (beide je 200 Quadratmeter groß). Die zwei Geschäfte zusammen zählen laut Schiel rund 27.000 Kunden. Der jüngste Sozialmarkt wurde durch eine Spendenaktion des ORF-Moderators Dominic Heinzl möglich, der etwa mit Promi-Flohmärkten rund 94.000 Euro sammelte.

Neben den künftig drei Sozialmärkten sind seit 2008 vier weitere Supermärkte für sozial Bedürftige in Wien entstanden: Der Vinzi-Markt in Simmering, der Soma-Sozialmarkt des Wiener Hilfswerkes in Neubau und zwei Samariterbund-Sozialmärkte in Rudolfsheim-Fünfhaus und Floridsdorf. Darüber hinaus teilt die Caritas seit dem 2009 ins Leben gerufenen Projekt "Le+O" an 11 Ausgabestellen Lebensmittel aus, und die "Wiener Tafel" beliefert soziale Einrichtungen wie Flüchtlingsheime mit Überschussware.

"Abgelaufene Waren wären eine Verhöhnung"

In den sozialen Supermärkten darf wie beim Sozialmarkt nicht jeder einkaufen, die Bedingungen sind allerdings ähnlich: Nur all jene, deren monatliches Nettoeinkommen zwischen 850 (Vinzi-Markt) und 1031 (Soma-Sozialmarkt) liegt, erhalten nach Vorlage des Einkommensnachweises, des Meldezettels und eines Ausweises einen Pass. Mit diesem sind sie pro Woche zum Einkauf um höchstens 30 bis 35 Euro berechtigt. Was auf den ersten Blick wenig scheint, muss in Relation mit den Preisen gesehen werden: Die Waren kosten hier ein Drittel des üblichen Supermarkt-Preises.

Beim Thema Waren unterscheiden sich Schiels Sozialmärkte allerdings von den anderen. Denn während Letztere geschenkte Überschussware sowie falsch etikettierte oder abgelaufene Lebensmittel anbieten, kauft Schiel seine Produkte zu. Zwar zu günstigen Konditionen, wie er sagt. Aber gemäß dem Motto: "Qualitativ minderwertige oder abgelaufene Waren wären eine Verhöhnung der sozial Benachteiligten."

"Auch unsere abgelaufene Ware ist in Ordnung, das wird regelmäßig vom Lebensmittelamt kontrolliert", kontert Angela Proksch vom Vinzi-Markt. Und Markus Hübl von der "Wiener Tafel" ergänzt: "Wir retten täglich drei Tonnen Lebensmittel vor dem Müll, indem wir sie weitergeben."

Die Mengen, die auf diese Weise an soziale Einrichtungen wandern, seien mittlerweile zwar riesig - auch bei "Le+O" werden laut Caritas wöchentlich rund sechs Tonnen Lebensmittel ausgegeben. "Das, was danach vernichtet wird, ist aber immer noch zu viel", so Hübl. Die Zahlen geben ihm recht: Laut einer Studie der Universität für Bodenkultur (Boku) landen jährlich 160.000 Tonnen Lebensmittel im Müll. Zumindest eine der Ursachen meint Boku-Mitarbeiterin Felicitas Schneider zu kennen. "Einige Firmen wollen ihren Namen nicht in den Regalen sozialer Supermärkte sehen", mutmaßt sie. Zudem seien diese Märkte auch Konkurrenten. Firmen fürchteten, sie könnten durch ihre Billigangebote die Kaufkraft schmälern.

In Anbetracht der Armut eine skurrile Sichtweise: Eine Million Menschen in Österreich leben laut Caritas an der Armutsgrenze, 500.000 in manifester Armut. Dass nun ein neuer Sozialmarkt eröffnet, betrachtet auch Schiel "nicht als Grund zur Freude, sondern als eine Notwendigkeit, um der sozialen Bitterkeit entgegenzuwirken."