Wien. Eigentlich war es der Fall F. 2008 in Amstetten, der das Thema Kindesmissbrauch ins Rollen brachte. Später wurde F., der seine Tochter 24 Jahre lang im Keller eingesperrt und missbraucht hatte, zu lebenslanger Haft verurteilt. Es blieb kein spektakulärer Einzelfall. 2010 wurden Missbrauchsfälle im klerikalen Umfeld bekannt - 2011 erkannte man, dass auch in zahlreichen Landesheimen Misshandlung und sexueller Missbrauch zur Erziehungspraxis gehörten. Und das bis in die frühen 90er Jahre. Dieses Konvolut an Meldungen durch Betroffene hat zu einer Sensibilisierung beim Thema Kindesmissbrauch geführt. So wurde als Antwort auf die Vorfälle in der katholischen Kirche 2010 die Unabhängige Opferschutzkommission (UOK) unter dem Vorsitz Waltraud Klasnics eingerichtet, Landeskommissionen nach deren Vorbild folgten.

Laut Zwischenbericht, den Klasnic am Dienstag präsentierte, bekamen Opfer bisher acht Millionen Euro zuerkannt. Das Geld stammt von der von der Bischofskonferenz errichteten "Stiftung Opferschutz" und somit nach dem "Verursacherprinzip" von den betroffenen Diözesen. Es wird je nach Plausibilität des Opfers ohne Prozess gezahlt. Prozessiert danach ein Opfer und bekommt eine höhere Summe zugesprochen, muss es den bereits erhaltenen Betrag zurückzahlen.

Konkret sind es laut Klasnic 613 Fälle, deren Opfer finanzielle Hilfe oder Therapien bekamen. 19 Fälle wurden abgelehnt, der Rest weitergeleitet. Insgesamt gingen 1244 Meldungen ein - 1129 betrafen Gewalt oder Missbrauch durch Vertreter der katholischen Kirche. Zwei Drittel waren sexuell missbraucht worden, drei Viertel aller Opfer waren Männer. Bei den meisten begannen die Vorfälle im Alter von 10 bis 13 Jahren.

Diese Altersgruppe ist es auch, die laut Kinderschutzorganisation "Die Möwe" am meisten von schwerem sexuellem Missbrauch betroffen ist. Dass und inwieweit sich das Bewusstsein und die Einstellung der Österreicher zum Thema Kindesmissbrauch verändert hat, präsentierte Präsidentin Martina Fasslabend ebenfalls am Dienstag. Laut einer aktuellen Studie, die in der gleichen Form vor drei Jahren durchgeführt worden war, würden heute 17 Prozent bei Verdacht auf Kindesmissbrauch nichts unternehmen, 2009 waren es noch 27 Prozent. Neun von zehn Österreichern wünschen sich härtere und strengere Strafen für die Täter - aktuell liegt der Strafrahmen zwischen einem und zehn Jahren.

Ein Wandel vom Täter- zum Opferschutz scheint derzeit also intensiv vorangetrieben zu werden. Denn während früher die Resozialisierung der Täter im Vordergrund stand, sind es heute die Opfer, deren physischen und psychischen Langzeitschäden thematisiert werden. "Ja - der Wandel flammte bereits nach der großen Strafrechtsreform 1975 unter Christian Broda, Justizminister unter Bruno Kreisky, ein erstes Mal auf. Damals zeigte sich, dass die Täter-Resozialisierung nicht immer erfolgreich und vor allem teuer war", meint dazu Rechtsphilosoph Peter Koller zur "Wiener Zeitung". Aktuell habe die Zahl der Anschuldigungen eine Lawine ins Rollen gebracht - die Betroffenen suchten nun nach einer neuen Form der Bewältigung.

Fokus auf Prävention


Der heutige Wandel passiere hauptsächlich in der Gesellschaft und weniger vor Gericht. "Freilich haben die Opfer zivilrechtliche Ansprüche, bei den Tätern ist aber wenig zu holen, weil die meisten finanziell nicht in der Lage sind, zu bezahlen", so Koller. Liegt eine Vergewaltigung 30Jahre zurück, sei es auch schwierig, Beweise gegen den Täter vorzubringen - falls dieser noch lebt.

Um es erst gar nicht so weit kommen zu lassen, setzen die UOK und "Die Möwe" nun auf Prävention: Die Kommission fordert ein "wachsameres Auge" bei der Priesterauswahl, "Die Möwe" will das Thema Missbrauch in der Pädagogenausbildung verankern. Leiterin Hedwig Wölfl: "Weil die Zahl jener, die bei Verdacht nichts unternehmen, noch immer zu hoch ist."