Sexualerziehung als Unterrichtsprinzip


Freilich seien auch die Lehrer für die Aufklärung verantwortlich, nach Ansicht Fialas aber "arm, weil sie diesbezüglich nicht richtig ausgebildet werden und kein geeignetes Material haben". "Sexualkunde ist bereits im Rahmen des Sachunterrichts in der ersten Klasse Volksschule verankert", entgegnet ein Sprecher des Unterrichtsministeriums. Parallel dazu zähle seit 1970 "Sexualerziehung" zu den fächerübergreifenden Unterrichtsprinzipien. Was bedeutet, dass das Thema in jedem Gegenstand jederzeit angesprochen werden kann und soll.

Einen Schwerpunkt gibt es in der achten Schulstufe im Biologieunterricht. Zu spät? Bekommen doch Mädchen mit durchschnittlich zwölfeinhalb Jahren die erste Regelblutung. "Pubertät und Verlieben ist schon für Zehnjährige wichtig, allerdings könnte man manche auch überfordern", meint dazu Sexualpädagogin Sabine Ziegelwanger von der Österreichischen Gesellschaft für Familienplanung. "Generell holen uns Lehrer in der achten Schulstufe, um mit den 14-, 15-Jährigen etwa über Verhütung zu sprechen."

Lehrer übergeben das prekäre Thema also gern an andere - was laut Ziegelwanger mitunter sogar besser ist, weil sich Schüler bei Außenstehenden eher trauen, intime Fragen zu stellen. "Das Traurige daran: Meistens sind es die ohnedies aufgeschlossenen Lehrer, die sich an uns wenden", sagt Stephan Hloch von der Beratungsstelle "First Love". Bei vielen Lehrern falle das Thema überhaupt unter den Tisch. "Da wird nur Fortpflanzung gelehrt, Liebe und Sexualität werden ausgelassen."

Ziegelwanger meint, den Grund zu kennen. "Diese Lehrer haben Angst, schlafende Hunde zu wecken - und durch das Thema erst recht Lust auf Sexualität zu machen." Die Angst sei aber nicht berechtigt. Denn nur, wer seinen Körper kenne, bekomme das richtige Bewusstsein dafür. Fiala geht noch einen Schritt weiter: "Eine ungewollte Schwangerschaft passiert durch die Verhütung der Sexualität." Um die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche zu reduzieren, müsse es daher Verhütungsmittel für Jugendliche auf Krankenschein geben, wie es in Westeuropa Usus sei.

Jedes dritte Kind wird in Österreich abgetrieben


Für Familienbischof Klaus Küng hingegen wäre das nicht die Lösung: "Solange die Botschaft lautet: ,Tu’, was du willst, aber schau’, dass du nicht schwanger wirst‘, wird sich nichts ändern. Sexualität als Vergnügungsart ist der falsche Weg, auch dann, wenn massiv Verhütung propagiert wird. Zu frühe intime Beziehungen führen zur Banalisierung der Sexualität." Vielmehr solle der Zusammenhang zwischen Sexualität und Treue früh aufgezeigt werden. Die Bischofskonferenz fordere seit Jahren flankierende Maßnahmen zur Fristenlösung, wie sie bei der Einführung 1973 versprochen worden waren. Zu diesen zählt eine gesetzlich verankerte Beratungspflicht.

Derzeit wird in Österreich jedes dritte Kind abgetrieben. Stehen doch rund 77.000 Geburten im Vorjahr 35.000 Abtreibungen gegenüber, schätzt Fiala. Mädchen über 14 sind Geschlechtsverkehr und anonyme Abtreibung erlaubt. Bei Jüngeren müssen Arzt und Erziehungsberechtigte mitentscheiden. Schätzungen zufolge sind 92 Prozent der Schwangerschaften bei Jugendlichen ungewollt.

"Es ist wie ein Verkehrsunfall", resümiert Fiala, "in den 35 Jahren Fruchtbarkeit einer Frau kann eine Schwangerschaft jederzeit passieren. Anders als im Straßenverkehr gibt es hier aber kaum Kampagnen zur Prävention."