In der Affäre um einen Callgirl-Ring wächst der Druck auf den früheren IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn: Die Staatsanwaltschaft im nordfranzösischen Lille ordnete am Montag Vorermittlungen gegen den 63-Jährigen wegen des Vorwurfs der gemeinschaftlichen Vergewaltigung an. Gegen den einstigen Hoffnungsträger der französischen Sozialisten läuft bereits ein Ermittlungsverfahren wegen organisierter Zuhälterei.

Die Staatsanwaltschaft forderte nun die Kriminalpolizei von Lille auf, auch den Vorwurf zu untersuchen, dass Strauss-Kahn von einer belgischen Prostituierten bestimmte Sex-Praktiken erzwungen habe. Die Frau hatte "DSK" sowie drei seiner Freunde zusammen mit einer weiteren Prostituierten im Dezember 2010 in Washington getroffen. "Ich habe nicht geschrien, aber ich habe klar und mit lauter Stimme gesagt, dass ich nicht wollte", sagte die Frau, die keine Anzeige erstattete, im Dezember der belgischen Polizei.

Die Zeitung "Le Monde" (Dienstagsausgabe) berichtete unter Berufung auf die belgischen Polizeiprotokolle, dass der "DSK"-Freund und Unternehmer David Roquet die Frau an den Handgelenken festhielt, so dass sie sich nicht mehr wehren konnte. "Er hat meine Handgelenke festgehalten, damit ich mich nicht bewegen konnte. Danach habe ich nichts mehr gesagt und abgewartet, dass es vorbeigeht", zitierte "Le Monde" die Belgierin.

Die zweite Prostituierte, die bei der Szene dabei war, gab zu Protokoll, sie habe ihre Kollegin nicht klar und deutlich Nein sagen hören. "Wenn sie geschrien hätte, hätte ich sie gehört und etwas unternommen."

Strauss-Kahn bestreitet, Gewalt gegen die Frauen angewandt zu haben. Er sprach bereits vor mehreren Wochen von "Lüge" und versicherte, es habe "nie Verkehr unter Zwang" gegeben. Sein Anwalt Richard Malka kritisierte nun die Vorermittlungen: "Ich kenne den Brauch nicht, Vorermittlungen wegen gemeinschaftlicher Vergewaltigung aufzunehmen, wenn die betroffene Person, die lange verhört wurde, keine Anzeige erstattete."

Nach den Vorermittlungen kann die Staatsanwaltschaft den Fall entweder zu den Akten legen oder ein Ermittlungsverfahren beantragen. Ein solches Verfahren läuft bereits seit Ende März gegen "DSK" wegen organisierter Zuhälterei.

Strauss-Kahn hat zwar zugegeben, an einer Reihe von Sex-Partys in Paris, Brüssel und Washington teilgenommen zu haben. Er versichert aber, nicht gewusst zu haben, dass es sich bei den eingeladenen Frauen um Prostituierte handelte. Die Partys wurden von Geschäftsmännern bezahlt. Unklar ist, ob sich Strauss-Kahn über die Herkunft des Geldes im Klaren war.

In den USA steht dem 63-Jährigen zudem ein Zivilprozess bevor. Das Zimmermädchen Nafissatou Diallo wirft ihm vor, sie in einem New Yorker Luxushotel zum Oralsex gezwungen zu haben. "DSK" wurde deshalb vor einem Jahr in New York festgenommen und musste als IWF-Chef zurücktreten. Auch seine Ambitionen auf das französische Präsidentenamt musste der frühere sozialistische Minister begraben, der damals als aussichtsreichster Kandidat galt.

Strauss-Kahn bestreitet den sexuellen Kontakt mit dem Zimmermädchen nicht, erklärte aber wiederholt, er sei einvernehmlich gewesen. Ein Strafverfahren stellte die US-Justiz im August ein. Sie hatte Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Hotelangestellten. Das bereits angestrengte Zivilverfahren ist davon unberührt.