Wien. Geduldig warten Sieglinde und Sonja bei warmem Frühlingswetter vor der Wiener Stadthalle auf Einlass. In ihren Händen halten sie stolz zwei Eintrittskarten - für eine Begegnung mit seiner "Heiligkeit", dem 14. Dalai Lama von Tibet. Um ihn hören und erleben zu dürfen, sind die beiden Frauen am Freitag extra aus Niederösterreich angereist. Sogar 30 Euro Eintritt haben sie bezahlt. Warum? "Er ist einer der letzten Helden, die es noch gibt", meint Sieglinde und hält dem Tibeter zugute, ein Philosoph zu sein, "der einem keine Einschränkungen auferlegt". Dass es im Buddhismus keine Gesetze und Dogmen gebe, gefalle ihr besonders. Die Frage, ob sie selbst Buddhistin ist, verneint die 37-Jährige allerdings. "Ich will einfach seine Energie spüren."

Ähnlich sieht das Maria, die nur wenige Meter weiter bei einem Schalter ihre bestellte Eintrittskarte abholt. Im Prinzip seien ja alle Religionen gleich, sagt die 50-Jährige lächelnd. "Der Dalai Lama ist ein normaler Mensch und kein Heiliger, außerdem lebt er auch das, was er sagt."

Wahrheit stärker als Waffen

Dabei hatte das Oberhaupt der Tibeter im Rahmen seines Besuchs in Österreich zunächst nicht nur den Wienern, sondern vor allem den Chinesen einiges zu sagen. Auf lange Sicht gesehen sei die Kraft der Wahrheit stärker als die Macht der Waffen, hatte der Dalai Lama nach seiner Landung in der Bundeshauptstadt mit Blick auf die Lage in Tibet gemeint. Er bleibe aber "Optimist". Nach Kärnten und Salzburg ist Wien die letzte Station seiner Reise durch Österreich. Nach einer Kundgebung am Samstag trifft er am Pfingstsonntag mit Kardinal Christoph Schönborn zusammen, mit dessen Vorgänger Franz König ihn eine enge Freundschaft verband. "Ohne Ehrlichkeit und Vertrauen gibt es keine Freundschaft und damit auch keine Zusammenarbeit", wird er später vor 8000 Besuchern in der Stadthalle erklären. Und dass die Menschen begreifen sollten, dass "alle gleich sind" und wie die Bienen in Frieden zusammenleben.

"Mein Englisch ist alt"

Als der Dalai Lama um 13.40 Uhr in der Stadthalle die Bühne betritt, wird er von seinen Fans mit "Standing Ovations" und anhaltendem Applaus begrüßt. Mit einem Lachen auf den Lippen, wie es sein Markenzeichen ist, hält er seine gefalteten Hände über den Kopf, um daraufhin mit übereinandergeschlagenen Beinen auf einem gepolsterten Sessel Platz zu nehmen. Das Englisch des Dalai Lama ist nur mäßig, wie er selbst zugibt: "Ich bin ein alter Mann, so ist auch mein Englisch alt", meint der Tibeter. Sein Übersetzer hat Mühe, den Ausführungen des Mönchs zu folgen. Immer wieder bringt der Dalai Lama die Zuhörer zum Lachen, etwa als er während der deutschen Übersetzung mit seiner Schirmkappe herumalbert. Dazwischen spricht er über Moral, Gewaltlosigkeit und die Wichtigkeit des interkulturellen Dialogs. Die Massen danken es ihm einmal mehr mit einem nicht enden wollenden Applaus. Der Dalai Lama weilt drei Tage in Wien.