Niedersulz. Malerisch schmiegt sich das Freilichtmuseum Niedersulz in die Idylle des Weinviertels in Niederösterreich – hinter den Kulissen brodelt es allerdings gewaltig.

"Neben dem Museum will das Land ein modernes Besucherzentrum mit einem Riesenparkplatz bauen – aber das passt doch nicht her", klagt Wolfhart Redl, ein pensionierter Lehrer, der mit Josef Geissler das Museumsdorf begründet hat. Die Bauarbeiten sind seit März im Gange: Die Grube auf dem Hügel südlich des Dorfes ist ausgehoben, derzeit wird am Fundament gearbeitet.

Neun Millionen Euro will das Land in das Museum investieren, um es in den nächsten drei Jahren zu einem Volkskulturzentrum zu erheben. Das 3,2 Millionen Euro teure Besucherzentrum ist also erst der Anfang. Ein Umstand, der die Museumsgründer auf die Barrikaden treibt. Hat doch vor allem der Kirchenrestaurator Geissler 30 Jahre lang mit Herzblut an der Erweiterung des Dorfes auf Gemeindegrund gearbeitet. Er hat rund 80 Weinviertler Gebäude übertragen und das Museum als Vereinsobmann geführt. Das Land subventionierte einzelne Projekte. "Die Förderungen pendelten zwischen 12.000 und 50.000 Euro", so Ulrike Vitovec vom Museumsmanagement Niederösterreich.

Barock statt Moderne

Vor drei Jahren war damit Schluss: Das Land Niederösterreich übernahm das Museumsdorf, enthob den Verein seiner Schulden und brachte Gebäude und Sammlungen in eine gemeinnützige Stiftung ein. Jährlich fließen nun laut Vitovec 865.000 Euro Landesförderung (60 Prozent des Gesamtbudgets) in die Errichtungs- und Betriebs GmbH. Geissler, der heute Pensionist ist, wohnt weiterhin im Dorf - Mitspracherecht haben er und Mitbegründer Redl allerdings keines mehr.

Dieses wollen sie vor allem jetzt, da sich das Dorf verändert, zurück. "Wir fordern den sofortigen Baustopp des Zentrums", verkündet Redl. Auf das bestehende Fundament könne man ein Barockschloss aus Poysbrunn im Weinviertel stellen, wodurch mit einem Schlag zwei historische Schätze gerettet würden.

Das Bundesdenkmalamt sieht die Situation jedoch anders. Das Dorf steht zwar laut Renate Madritsch, Landeskonservatorin für Niederösterreich, unter Denkmalschutz. "Neue Architektur – wenn sie gut ist – verträgt sich sehr wohl damit", meint sie. Das Besucherzentrum sei als Tor vom Neuen zum Alten gedacht. Madritsch begrüßt die Übernahme des Museums durch das Land, weil so "Geisslers Lebenswerk" gerettet wird.

"Das war auch der Hauptgrund", verrät Bürgermeister Franz Pirkner (ÖVP) der "Wiener Zeitung". Geissler habe "nur gesammelt, aber die Stücke waren notdürftig gelagert und drohten zu vermodern." Folglich mussten rund 500 Quadratmeter Dachfläche renoviert werden - dafür habe dem Verein aber das Geld gefehlt.

Redl hingegen wirft der neuen Leitung vor, seit drei Jahren weder gesammelt, noch Gebäude übertragen zu haben. "Wir wollen uns zuerst um die Renovierung kümmern", kontert wiederum der Geschäftsführer der Betriebsgesellschaft, Günter Fuhrmann. Die Gestaltung des Museums hinke der Zeit hinterher. Depots und Werkstätten müssten errichtet werden, um die Museumsstücke bewahren und restaurieren zu können.

Geschichte aufarbeiten

Außerdem seien Parkplatz, Eingangsbereich und Wege derzeit nicht barrierefrei. "Das Museumsdorf muss aktualisiert und besucherfreundlich werden, wenn es weiter bestehen soll", sagt Fuhrmann. Und hofft, dass durch zusätzliche Kassen und Busparkplätze die Besucherzahl von jährlich 40.000 auf 80.000 in die Höhe schnellen wird.

Künftig sollen die Besucher in Niedersulz mehr als nur ein idealistisches Bild der Vergangenheit zu sehen bekommen. Indem die Geschichte kritisch aufgearbeitet und etwa die Stellung der Frau beleuchtet wird. Redl hofft, dass es nie soweit kommen wird. Er sieht sich noch immer als Teil des Museums, "weil es der Geissler war, der es zusammengetragen hat."