Wien. Der Rio+20-Gipfel werde nur schöne Worte bringen, leiden würden darunter vor allem die ärmsten Länder, die Gefahr von Flüchtlingsströmen und militärischen Konflikten steige. Das war Stefan Schleicher vom Wegener Zentrum für Klima und Globalen Wandel an der Universität Graz schon am ersten Tag der Konferenz klar, wie er im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" sagt: "Es ist primär ein mediales Event. Man darf nicht erwarten, dass dort an drei Tagen große Würfe gelingen. Das Schlussdokument ist seit Monaten in Bearbeitung, aber in entscheidenden Passagen noch immer ohne Konsens."

Für Schleicher drängt sich der Vergleich mit der Klimakonferenz von Kopenhagen 2009 auf: "Man nahm an, das würde der Start für ein neues internationales Abkommen in Nachfolge des Kyoto-Protokolls, und das ist total schiefgegangen." Interessant sei nur gewesen, wie der neue US-Präsident Barack Obama die Konferenz okkupierte und mit China, Südafrika, Indien und Brasilien eine Kerngruppe bildete. Die EU habe, so Schleicher, keine Rolle mehr gespielt: "Vertreter der EU näherten sich dem Tisch mit Obama und wurden ignoriert, geschweige denn, dass ihnen ein Sessel angeboten wurde."

Für Schleicher spiegeln sich die geopolitischen Strukturen auch in diesen Konferenzen wider. Heute stehe China an erster Stelle, die USA seien lahmgelegt, zumindest bis zu den Wahlen, und die EU sei viel zurückhaltender geworden: "Wirklich erstarrt ist Europa durch die Finanzkrise und die Verschuldung der Staaten, und wir wissen noch immer nicht, wie wir uns daraus befreien sollen. China lässt sich in keiner Weise irgendwelche Verpflichtungen von außen auferlegen. Europa sagt: ‚Wir sind bereit, uns stärker zu engagieren, wenn es Ziele und Zeitpläne gibt‘, doch da spielt China nicht mit, und Indien segelt im Windschatten Chinas mit. Der Anstieg des Ressourcenverbrauchs in China ist explosiv, Indien folgt jetzt, die beiden machen fast ein Drittel der Weltbevölkerung aus."

Sind also solche Gipfel wie der von Rio sinnlos? Nicht ganz, meint Schleicher: "Was sich in Rio abspielt, ist sehr vielschichtig. Es gibt ja nicht nur den offiziellen Verhandlungsprozess, vieles passiert informell, mit dem Ziel, eine Art Proklamation zur globalen Wirtschaftsentwicklung der nächsten Jahre zu verabschieden. Da gibt es eine Unzahl von extrem positiven Aktivitäten im Umfeld, von Interessengruppen der indigenen Bevölkerung bis zu den Topfirmen treffen sich Leute und bestätigen einander, dass sie eine Verantwortung für die Zukunft übernehmen wollen."

Kontroversielle Themen

Sind sich in der Analyse des Zustands der Welt, ökonomisch und ökologisch, zumindest die Wissenschafter einig? Schleicher bejaht: "Meiner Meinung nach gibt es immer mehr Konsens, was zu tun wäre, im Kern sind das die Millenniumziele, angefangen bei der Bekämpfung der Armut sowie beim Zugang zu sauberem Wasser, ausreichender Ernährung, medizinischer Versorgung und Bildung. Da gibt es Konsens, dass diese Ziele bewältigbar sind."

Hier könnte mit geringem finanziellen Einsatz viel geschehen, sagt der Grazer Ökonom. Ein einfacher Solarkocher, um warme Mahlzeiten zuzubereiten, koste nur fünf bis zehn Euro, in Amerika arbeite man an Werkstoffen, "mit denen man die Tagessonnenstrahlung so gut speichern kann, dass man am Abend auf diesem Werkstoffwürfel Mahlzeiten kochen kann. Das Ziel wäre, solche Produkte so günstig zu machen, dass sie auch in diesen Ländern leistbar sind. Diese Thematik läuft unter Technologietransfer und ist eine der fundamentalen Kontroversen in Rio."

Konflikte entstehen, wenn einerseits nicht geholfen und anderseits sogar Lebensraum bedroht wird, zum Beispiel durch das Belo-Monte-Staudammprojekt am Amazonas. Das sei, so Schleicher, "auch ein Grund, warum sich gerade die allerärmsten Länder gegen ein Thema wehren, das in Rio einen relativ hohen Stellenwert hat: ‚Green Growth‘ oder ‚Green Economy‘. Sie befürchten, dass damit ihre Ressourcen noch mehr von den reichen Ländern in Anspruch genommen werden, ohne dass sie ausreichend kompensiert werden."

Die erste Rio-Konferenz 1992 war geprägt vom Brundlandt-Bericht von 1987, der erstmals den Begriff der Nachhaltigkeit propagierte und Wachstum um jeden Preis infrage stellte. Für Schleicher war das "ein Meilenstein, eine kopernikanische Wende". Natürlich können Leerfischen der Gewässer und Abholzen der Wälder kurzfristig Wachstum erzielen, aber was dann? Schleicher: "Der Vorwurf, die reale Wirtschaft agiere heute weiter so, besteht noch immer. Brasiliens Regierung hat großzügig Nutzungsrechte im Amazonas-Regenwald vergeben."

War es auf der ersten Rio-Konferenz 1992 zu drei Konventionen gekommen - zur Klimapolitik, zur Biodiversität und zur Ausbreitung der Wüsten - und hatte man 2002 in Johannesburg noch die Millenniumziele bis 2015 - die sicher nicht erreicht werden - formuliert, so bringe Rio wenig: "Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass derartige multilaterale Aktivitäten nicht mehr konsensfähig sind. Angesagt ist Unilaterismus, also einseitiges Handeln. Jeder ist sich selbst der Nächste, das muss aber die Sache nicht schlimmer machen. Zweifellos hat China im Eigeninteresse begonnen, alternative Energien zu entwickeln, und jetzt sind sie Weltmarktführer. Europa wird nun von China aufgeweckt."