Wien/St. Pölten. Das erste Mal hat Engelbert T. als Jugendlicher im Jahr 1970 Blut gespendet. Und hat seither nicht mehr damit aufgehört. Für den Landwirt aus dem südlichen Niederösterreich ist das selbstverständlich, wie er im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" betont. "Ich habe seither kein Jahr ausgelassen." Weswegen ihm das Rote Kreuz für dessen mittlerweile 150 Blutkonserven vor wenigen Jahren das "Goldene Blutspenderehrenzeichen mit Lorbeerkranz" verliehen hat. Ein Ehrenzeichen, das der 63-Jährige mit Stolz trägt.

Allerdings zählt Engelbert T. in Österreich zu einer immer kleiner werdenden Minderheit. Denn nur rund 3,4 Prozent der Bevölkerung spenden regelmäßig Blut - und sichern so die flächendeckende Versorgung. Aber wie lange noch? Rechtzeitig vor Beginn das Sommerferien hat nun das Rote Kreuz vor möglichen Engpässen im Juli und August gewarnt. "Pro Minute wird eine Blutkonserve benötigt", sagt die Leiterin der Wiener Blutspendezentrale, Eva Menichetti. "Das sind immerhin 450.000 Einheiten pro Jahr." Aber nicht nur in der Urlaubszeit fehlt es an Freiwilligen, die sich für eine Wurstsemmel und ein Getränk 465 Milliliter Blut abnehmen lassen.

Viele Transfusionen unnötig

"Die Anzahl der Spenden ist auch sonst leicht rückläufig", warnt der stellvertretende Generalsekretär des Österreichischen Roten Kreuzes, Werner Kerschbaum. Von einer ernsthaften Bedrohung will er aber noch nicht reden. Noch seien genügend Blutkonserven zur Verfügung. Von der Idee, möglichen Spendern zusätzlich einen finanziellen Anreiz für ihre Spende anzubieten, hält er aber nichts. "Wir haben immer die Prinzipien Freiwilligkeit und auch Unentgeltlichkeit betont und bleiben dabei. Wir glauben, das ist ein unverzichtbarer Beitrag der Zivilgesellschaft", so der Funktionär.

Derzeit werden in Österreich rund vier Fünftel der Blutkonserven für Operationen und Erkrankungen benötigt. Der Rest kommt bei Unfällen (12 Prozent) und bei Geburten (vier Prozent) zum Einsatz. Im Gesundheitsministerium betrachtet man diese Statistik mit Besorgnis und verweist auf Studien, wonach viele Bluttransfusionen - vor allem bei längerfristig geplanten Operationen - unnötig verabreicht würden. Dass hierzulande mitunter Blut verschwendet wird, weil sich die Krankenhäuser nicht an die Richtlinien halten, hat auch die EU-Kommission in ihrem "Sanguis-Bericht" festgestellt. Folglich zählt Österreich gemeinsam mit Dänemark und Griechenland zu jenen Ländern mit dem höchsten Verbrauch. Ansätze zur Besserung gibt es bereits: So ist der Bedarf von Blut in den vergangenen zehn Jahren immerhin um 15 Prozent zurückgegangen.

Maßvoll wird dagegen mit Konserven für Träger eines negativen Rhesusfaktors umgegangen. Demnach dürfen etwa Menschen mit Blutgruppe 0 negativ nur Blut von ihrer eigenen Gruppe erhalten - und das, obwohl sie sonst als Universalspender gelten. "Benötigt da ein Patient viele Konserven, dann wird die Versorgung schwierig", sagt Manichetti. Weswegen in solchen Fällen in der österreichweiten Spenderdatenbank nach Personen mit passenden Eigenschaften gesucht und der Betreffende "einberufen" werde. Notfalls helfe auch die internationale Blutdatenbank in Amsterdam.

Entgegen der landläufigen Meinung völlig ungefährdet sind hingegen die Träger seltener Blutgruppen wie AB. Sie sind von etwaigen Engpässen als Universalempfänger am geringsten betroffen - und gelten deshalb auch oft als Spendenmuffel, zumal ihr Blut nur AB-Trägern nützt. "Ich war in den vergangenen fünf Jahren sicher nicht mehr spenden", bestätigt auch Gerhard M. im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Dass seine Blutgruppe nicht so gefragt ist, sei allerdings nicht der Grund, fügt der 50-Jährige hinzu. "Ich habe einfach zu wenig Zeit."

Konserve kostet 130 Euro

Allein für Werner Kerschbaum ist jede einzelne Blutkonserve wertvoll. 130 Euro verrechnet das Rote Kreuz den Krankenhäusern pro Einheit, um die Kosten für Tests, Produktion, Lagerung und Transport zu decken. Gewinne schreibe man hier keine. "Wir liegen damit im europäischen Vergleich unter dem Schnitt. In den Niederlanden kostet eine Konserve 200 Euro."

Allein Vielspender Engelbert T. will von Geld nichts wissen und auch in Zukunft fleißig sein Blut - er hat Blutgruppe 0 - herschenken. Zeit für einen neuen Rekord hat der 63-Jährige noch. Kürzlich wurde das Alterslimit von 65 Jahren aufgehoben.Seite3