Washington. Tom Vilsack ist mittlerweile auch schon unkonventionellen Zugängen nicht mehr abgeneigt. "Wenn ich ein Regengebet wüsste oder einen Regentanz aufführen könnte, ich würde es tun", sagte der US-Landwirtschaftsminister, nachdem er Präsident Barack Obama am Mittwochabend über die Lage informiert hatte. Denn die ist mittlerweile in einem Großteil des Landes trist. Amerika erlebt derzeit die schlimmste Dürre seit 50 Jahren. 61 Prozent des Bundesterritoriums leiden bereits unter der massiven Trockenheit, fast überall in den betroffenen Gebieten, in denen es teilweise seit acht Wochen nicht mehr geregnet hat, drohen massive Ernteausfälle.

Gravierende Folgen hat das nicht nur für tausende von verzweifelten Landwirten, die knapp vor dem finanziellen Ruin stehen. So gut wie alle Amerikaner werden die Dürre in den kommenden Wochen und Monaten durch steigende Lebensmittel- und Treibstoffkosten zu spüren bekommen. 40 Prozent der Maisernte in den USA wird mittlerweile zur Herstellung von Ethanol verwendet, das als Bio-Sprit zum Benzin gemischt wird. "Es entwickelt sich von einer Krise zu einem Alptraum", sagt der Agrarwissenschaftler Tony Vyn von der Universität Purdue in Philadelphia.

Landwirt Kenny Brummer aus Süd-Illinois hat mit der Trockenheit und ihren Folgen bereits seine Erfahrungen gemacht. Er bewirtschaftet knapp 330 Hektar mit Mais. Damit füttert er seine 400 Kühe und 30.000 Schweine. Nachdem seine Ernte bereits vernichtet wurde, muss er Futtermittel einkaufen. Dieses ist allerdings aufgrund der verstärkten Nachfrage sehr teuer geworden. Sein ganzes Vieh wird er nicht versorgen können. Ähnlich wie vielen anderen Landwirten wird Brummer daher nichts anderes übrig bleiben, als einige Tiere vorzeitig schlachten zu lassen. Um überhaupt durchzukommen, muss er also seine Lebensgrundlage verringern. "Wo wird das noch hinführen?", fragt er sich. "Jeden Morgen wache ich mit Sorgen auf. Natürlich ist die Dürre schlimm, aber damit fangen die Probleme eigentlich erst an."

Kein Regen in Sicht

Gerade erst hatte Gouverneur Pat Quinn Brummers Heimatort Waltonville besucht. Diese Gegend ist genau wie tausend andere Gemeinden im Mittleren Westen zum Notstandsgebiet erklärt worden, damit Landwirte rasch in den Genuss von billigen Krediten und anderen Hilfeleistungen kommen können. Bei seinem Besuch hatte Quinn versucht, auf einem der ausgetrockneten Felder eine Kornähre zu finden. Normalerweise wäre er von hunderten umringt, doch dieses Mal dauerte es einige Minuten, bis er eine entdeckte. Als er sie öffnete, musste er jedoch erkennen, dass sie leer war. "Das ist die schlimmste Dürre, die wir in Illinois je hatten", sagte Quinn. "Und die höchsten Temperaturen."

Die Einschätzung des Gouverneurs trifft sich mit den Daten der Wetterbehörde NOAA. Ihren Aufzeichnungen zufolge ist die Dürre, die von Temperaturen jenseits der 40-Grad-Marke begleitet wird, die schlimmste im Mittleren Westen seit 1956. "Ein Drittel der USA ist von extremer bis sehr extremer Dürre betroffen", sagt Richard Heim von der NOAA. Mehr als die Hälfte des Landes leidet seinen Daten zufolge immerhin unter "gemäßigter bis extremer Dürre". Und in mehr als 80 Prozent der USA herrschen überdurchschnittliche Temperaturen. Frühestens in der kommenden Woche sollen sich die Wetterverhältnisse bessern. Sicher ist aber auch das nicht. "Was wir brauchen, ist Dauerregen, und der ist nicht in Sicht", sagt der Agrarexperte Dan Basse von AgResource.

Das Landwirtschaftsministerium hat bereits ausgerechnet, dass die Ernte schon jetzt um zwölf Prozent geringer ausfällt als im Vorjahr. Allerdings gehen weder Analysten noch die Regierungsexperten davon aus, dass sich die Lage auf dem derzeitigen Niveau stabilisiert. Fast überall wird mit einem weiteren Anstieg der Ausfälle gerechnet. Überaus deutlich bilden sich die Sorgen der US-Farmer mittlerweile auch schon an den Rohstoffbörsen ab. Am Chicago Board of Trade erreichte Mais mit einem Preis von 8,08 Dollar einen neuen Rekordwert, auch Sojabohnen markierten mit 17,23 Dollar bereits ein Allzeithoch.

Auch in gesamtwirtschaftlicher Hinsicht ziehen bereits dunkle Wolken auf. Die Dürre hätte zu keinem schlechteren Zeitpunkt kommen können, sagte Landwirtschaftsminister Tom Vilsack nach seinem Treffen mit dem Präsidenten. Der Wirtschaft sei es nach einer zaghaften Erholung zuletzt wieder schlechter gegangen. Durch die Dürre würde sie nun noch weiter zurückgeworfen.