Wien.

(sir) Es ist erst ein paar Wochen her, da startete der heimische Sport eine Unterschriftenaktion für die tägliche Turnstunde. Mehr als 50.000 haben seither unterschrieben (www.turnstunde.at). Der Anlass waren die ohne österreichische Medaille zu Ende gegangenen Olympischen Spiele in London, die Motivation der Verbände war aber auch eine andere: Seit Jahren gibt es immer weniger Kinder, die Sport treiben, fast logisch steigt daher die Zahl der übergewichtigen und koordinativ beeinträchtigten Kinder, sie gehen dem organisierten Sport ab.

Es nimmt sich regelrecht zynisch aus, dass der Ernährungsbericht in Österreich im selben Zeitraum wie die Olympischen Spiele erscheint, nämlich alle vier Jahre. Und die am Freitag veröffentlichte Studie im Auftrag des Gesundheitsministeriums berichtet von einer weiteren, recht dramatischen Zunahme übergewichtiger Kinder. Waren vor vier Jahren 19 Prozent der Schulkinder (6 bis 14 Jahre) übergewichtig, sind es nun schon 24 Prozent, wobei rund acht Prozent gar adipös sind. Zumindest dieser Wert hat sich im Vergleichszeitraum nicht weiter verschlechtert.

"Das ist die Konsequenz aus hochkalorischer Ernährung und wenig Bewegung", sagt Klaus Vavrik, ein Kinderarzt und Präsident der Liga für Kinder- und Jugendgesundheit. Eine 2010 erschienene europaweite Studie hatte bei 11- bis 17-Jährigen noch deutlich weniger übergewichtige Jugendliche ausgewiesen (13 Prozent). "Das zeigt, dass die nachfolgende Generation mit Übergewicht noch mehr belastet ist."

Zu viel Fleisch und Wurst


Immerhin: Bei den Erwachsenen zeigt sich keine signifikante Verschlechterung der Situation, allerdings ist das Niveau schon hoch. Rund 40 Prozent der 19- bis 65-Jährigen sind übergewichtig, davon sind zwölf Prozent adipös. Der vor drei Jahren initiierte Nationale Aktionsplan Ernährung hat zumindest bisher noch keine großen Auswirkungen. "Wir haben das Feld zwar noch nicht beackert, aber wir stehen mit dem Pflug bereits dort", sagt Gesundheitsminister Alois Stöger.

Das Ernährungsverhalten der Österreicher hat sich in den vergangenen vier Jahren nur marginal verändert. Die Österreicher essen zu viel Fleisch und Wurst und zu wenige Kohlenhydrate, Obst und Gemüse. "Die Ergebnisse sind besorgniserregend", sagt Minister Stöger.

Auffällig ist ein Gefälle innerhalb Österreichs. Im Osten ernähren sich die Menschen schlechter und sind dicker. Vavrik: "Das korreliert auch mit unseren Erkenntnissen, dass sich die Menschen in Westösterreich mehr bewegen." Für den Mediziner ist vor allem bei den Kindern anzusetzen. "Die ganze Grundhaltung den Kindern gegenüber muss sich ändern", sagt er. Es brauche mehr Bewegungsräume, mehr Bewegungsfreude: "Wir haben den Kindern Bewegung ausgetrieben."