Wien. Vanessa Fuchs (Name geändert) hat 13 Titel. Einen davon trägt sie, zwölf tragen andere Personen. Sie alle waren ihre Kunden. Heute sitzen sie in Banken, Firmen, Aufsichtsräten. Mit Fuchs verbindet sie nur noch das Schweigen über das "Dr." oder "Mag." vor ihren Namen - ein Schweigen für die Ewigkeit.

Fuchs hat zehn Magister und zwei Doktoren gemacht. Daneben hat sie unzählige Seminararbeiten geschrieben. Insgesamt fünf Jahre hat sie von ihrer Arbeit als Titelfälscherin gut gelebt. In der "Wiener Zeitung" gibt sie Einblicke in die Welt der Ghostwriter, deren Markt rasant wächst, je klüger die Suchprogramme für Plagiate werden. Ein Ghostwriter schreibt nicht ab wie ein Plagiator, sondern verfasst jedes Wort selbst; dagegen sind Plagiatsjäger machtlos. Mit Fuchs an seiner Seite wäre der deutsche Ex-Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg noch heute im Amt.

Der Preis

Fuchs’ Markenzeichen war die Schnelligkeit: Nur zwei Monate vergingen vom Erstkontakt bis zur Lieferung von drei gebundenen Ausgaben und zwei elektronischen Versionen. Deswegen setzte sie ihren Stundensatz höher an als die Konkurrenz - bei 50 Euro. Bei "Rich Kids" erhöhte sie auf 80 Euro die Stunde.

Für Magisterarbeiten brauchte sie rund 1,5 Stunden pro Seite, für Doktorarbeiten drei Stunden. Das macht rund 10.000 Euro für den Magister und 30.000 Euro für den Doktor. Dazu kam eine Provision von 3000 Euro für ein Sehr gut, 2000 Euro für ein Gut und 1000 Euro für ein Befriedigend. "Ein Dreier ist mir nur einmal passiert, den habe ich dann auf einen Zweier repariert."

Die Kunden

Fuchs zog ihren Schwarzmarkt hauptsächlich an der Wirtschaftsuniversität Wien auf. Einen Magister machte sie für die Uni Klagenfurt, einen für die Uni Linz. Einen der zwei Doktoren machte sie an der Schweizer Elite-Uni St. Gallen. Auf diesen "Einser" ist sie besonders stolz. Ihre Kunden waren meist zwischen 25 und 30 Jahre alt und kamen über Mundpropaganda zu ihr. Die meisten arbeiteten bereits und wollten unbedingt einen Titel aber trotzdem freie Wochenenden. Einer war Bankangestellter, der andere arbeitete im Marketing. Eine dritte Kundin betrieb ihre eigene Kleidungsfirma. Die Nachfrage wuchs und wuchs. Fuchs begann, erste Kunden abzulehnen. Ihre Stärke, die Schnelligkeit, war ihr wichtig.

Der Ablauf

Fuchs traf ihre Kunden niemals in der Öffentlichkeit. Sie ging zu ihnen oder empfing sie bei sich. Sie verriet ihren Kunden richtige Adressen, aber niemals ihren richtigen Namen. Beim ersten Treffen hatte sie auf Basis des Themas bereits ein Inhaltsverzeichnis in der Tasche, dann wurden "Meilensteine" für die einzelnen Kapitel und eine Termin-Serie vereinbart. Die Kunden mussten sich ja regelmäßig mit ihrem Betreuer treffen und Fuchs sagte ihnen, was sie zu sagen und zu tun hatten. Sie machten sich freiwillig zur Marionette und Fuchs zog die Fäden. Bei jedem Termin gab es ein Kuvert mit der Zwischensumme.

Die heikelste Phase waren die Experten-Interviews für die Arbeit, die Fuchs selbst führte - mit falschem Namen, den sie regelmäßig wechselte, falschem Studentenausweis, falscher Uni und falschem Thema. "Es gab mich nicht." Bis zu 50 Personen - von Wien bis St. Gallen - saß sie so gegenüber, stellte Fragen, diskutierte, bekam Einladungen zum Abendessen oder lukrative Jobangebote. Niemand fragte nach, niemand misstraute ihr.

Am Ende der zwei Monate übergab sie ihren "Partnern in Crime" Arbeit und Daten-Disketten. Zum Abschied sprachen beide eine Art wortloses Schweigegelübde.

Gewissen und Angst

Ein schlechtes Gewissen hat Fuchs nicht. "Abgesehen von ein paar Strebern schummelt jeder. Guttenberg war der Beweis dafür", sagt sie. Die Zahl jener, die sich ihren Titel machen lassen, schätzt sie auf rund fünf Prozent. "Österreich ist ein guter Markt, weil alle so titelgeil sind. Da nennt sich die Frau vom Arzt Frau Doktor."

Angst davor, ihren Titel oder Job zu verlieren, hat sich nicht - eher vor saftigen Nachforderungen der Finanz. Würde sie aufliegen, hätte sie nicht gewusst, dass der Kunde das Werk als Uni-Abschlussarbeit "missbraucht".

Der Ausstieg

Nach fünf Jahren stieg sie aus, die Lücke im Lebenslauf wurde zu groß - offiziell arbeitete sie ja nur einen Tag pro Woche. Als Schweigegeld holte sie sich von ihren Kunden Nachweise über Projekte, die sie in ihren Firmen erledigt hatte, und kittete den Lebenslauf. Die Nachfrage nach der Titel-Macherin ließ nur langsam nach.

Wissen: Ghostwriter-Agenturen narren die Behörden

Beim Fälschen wissenschaftlicher Arbeiten muss man zwischen Plagiaten und Ghostwritern unterscheiden. Wer plagiiert, übernimmt fremde, geistige Leistungen und verkauft sie als die eigenen. In den Arbeiten oder Werken finden sich Spuren davon. Und die werden mit Hilfe elektronischer Software immer besser gefunden - zum Leidwesen vieler prominenter Titel-Träger, deren Arbeiten verstärkt unter die Lupe genommen wurden. So wurde der deutsche Ex-Verteidigungsminister Guttenberg enttarnt und aus dem Amt gejagt.