Wien. (sir) Es ist jedes Jahr ein bisschen Weltuntergang, dabei ist’s nur Silvester, und der Jahreswechsel wird in Österreich traditionell mit Feuerwerk und Knallern begangen. Doch so sicher wie die Meldungen über das schnellste Neujahrsbaby sind am 1. Jänner auch die Nachrichten über Verletzte und manchmal gar Tote durch eben diesen pyrotechnischen Ausdruck der Freude.

Laut einer Studie aus Wien knallen 18 Prozent der Stadtbewohner zu Silvester, die durchschnittlichen Ausgaben für Raketen liegen bei 30 Euro, pro Jahr setzt die Branche in Österreich etwa zehn Millionen Euro um. Doch auch im benachbarten Ausland wird fleißig eingekauft, Pyrotechnika sind dort günstiger - doch billiger heißt auch gefährlicher.

99,9 Prozent aller Unfälle mit Feuerwerkskörpern sind auf illegale Knaller zurückzuführen, berichtet das Bundeskriminalamt. Abgerissene Finger und schwere Verbrennungen zählen laut BKA noch zu den glimpflichen Verletzungen, auch schwerste Gesichts- und Kopfverletzungen können Folgen derartiger Unfälle sein.

Vor dem Jahreswechsel warnte auch die Gesellschaft für Handchirurgie vor den Folgen einer feucht-fröhlichen Silvesternacht in Verbindung mit Feuerwerkskörpern. Jedes Jahr würden etwa 1000 Personen verunfallen, und häufig sind Unachtsamkeit und Fahrlässigkeit dafür verantwortlich: Raketen werden aus der Hand gezündet, sie werden auf andere Menschen gerichtet oder nicht explodierte Knaller noch einmal angezündet.

Billige Knaller


Ein Unfall am Donnerstag, bei dem ein konzessionierter Pyrotechniker in der Oststeiermark schwer verletzt wurde, zeigt aber, dass selbst bei Sachkundigkeit ein gewisses Risiko besteht.

Und dennoch ging die Tendenz jahrelang in Richtung mehr Raketen und mehr Knaller. Durch billige Produktion in Ländern wie Indien oder China sind die Kosten für Knallkörper jeder Art auch signifikant gefallen. Die Folge davon: Rettungsdienste verzeichnen von Jahr zu Jahr mehr Einsätze wegen derartiger Unfälle, die Zahl der Anzeigen nach dem Pyrotechnikgesetz hat 2011 einen Negativrekord erlebt, und das BKA hat doppelt so viele illegale Böller aus dem Verkehr gezogen wie im Jahr zuvor. Mehr als sechs Tonnen wurden beschlagnahmt.

Die Politik hat insofern reagiert, als ab 4. Juli 2013 der Verkauf von Schweizer Krachern, den klassischen "Piraten", verboten ist, ab 2017 wird es auch deren Besitz sein. Die Wirtschaftskammer rät jedoch vor Hamsterkäufen dringend ab. "Werden die Kracher falsch gelagert, kann es sein, dass die gesamten Vorräte explodieren", sagt Stefan Blagusz, Sprecher für den Handel mit Pyrotechnik, und er warnt auch vor ausländischen Böllern, die teilweise gar nicht zugelassen seien.

Doch es gibt auch einen anderen Grund, auf Produkte aus China und Indien zu verzichten: Knaller und auch Raketen, die weiterhin erlaubt bleiben, werden oft in Fabriken mit sehr schlechten Sicherheitsvorkehrungen produziert. "Die wenigsten wissen, dass Feuerwerkskörper vielfach unter menschenverachtenden Arbeitsbedingungen und auch von Kindern hergestellt werden", sagt Reinhard Heiserer, Geschäftsführer des Hilfswerks "Jugend Eine Welt". Seit dem Jahr 2000 starben durch Explosionen in Sivakasi, wo rund 90 Prozent aller Pyrotechnika Indiens produziert werden, 237 Menschen, 200 wurden verletzt. Durch den ständigen Kontakt mit den verwendeten chemischen Substanzen würden auch viele Arbeiter an diversen Lungenerkrankungen leiden.

Eine Alternative für die Silvesternacht bietet heuer das Rote Kreuz. Auf einer eigens eingerichteten Homepage (www.spendenstattkrachen.at) kann man virtuell Raketen und Kracher einkaufen und die dabei ermittelte Summe gleich spenden.