Mit einer Nase so lang wie die von Pinocchio müsste sich jeder herumschlagen, würde sie tatsächlich durch Lügen wachsen. - © corbis
Mit einer Nase so lang wie die von Pinocchio müsste sich jeder herumschlagen, würde sie tatsächlich durch Lügen wachsen. - © corbis

Wien. "Die Menschen lügen unsäglich oft", stellte schon Friedrich Nietzsche fest. Zwischen dieser Erkenntnis des deutschen Philosophen und der Gegenwart liegen zwar mehr als 130 Jahre - heute wie damals hat sie allerdings Gültigkeit. Vor allem jetzt, in einem Superwahljahr, in dem zum Beispiel das Team Stronach im niederösterreichischen Landtagswahlkampf mit dem Slogan "Weil es Zeit für die Wahrheit ist" wirbt, wird man sich bewusst: Bei keinem Gegenüber kann man davon ausgehen, dass es die Wahrheit sagt. Und schon gar nicht, wenn es ein Politiker kurz vor den Wahlen ist.

Die Liste der lügenden Politiker ist lang. Ob nun der ehemalige Bundespräsident Kurt Waldheim, der vehement seine Kenntnis von Judendeportationen im Zweiten Weltkrieg bestritt, bis sie ihm 1988 von einer internationalen Historikerkommission nachgewiesen wurde. Oder Wolfgang Schüssel, der 1999 als ÖVP-Bundesparteiobmann angekündigt hatte, in Opposition zu gehen, falls die ÖVP auf den dritten Rang in der Wählergunst falle. Und schließlich mit der FPÖ koalierte, nachdem die ÖVP tatsächlich hinter SPÖ und FPÖ lag.

Abseits gravierender Lügen wie diesen werden laufend kleine Wahlversprechen nicht eingehalten - ob es nun um Fahrradabstellplätze in einer Dorfgemeinde oder die Ausweitung von Hundezonen geht. Doch welche Konsequenzen drohen Politikern, die bewusst die Unwahrheit sagen?

"Politiker haben nicht die Pflicht, die Wahrheit zu sagen", meint dazu der Wiener Rechtsanwalt Gerald Ganzger im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Einzige Ausnahme: Wenn sie etwa im U-Ausschuss als Zeugen aussagen. Dann gilt für sie - wie für jeden anderen Österreicher auch - die Zeugen- und Wahrheitspflicht.

Für jeden Berufsstand ist "Lüge" anders definiert


Mitunter galt es bei Politikern bisher sogar als "geschickt, sich gut verkaufen zu können", sagt Ganzger. Jörg Haider (BZÖ) etwa, zum Zeitpunkt seines Todes 2008 Kärntner Landeshauptmann, habe als genial in der Bedienung seiner Zielgruppen gegolten. Nach Korruptions-Prozessen und dem Salzburger Finanzskandal "ist die Zeit der großen Zampanos aber endgültig vorbei. Trockene Typen, die Ehrlichkeit und Bodenständigkeit ausstrahlen, sind mehr gefragt." Das liege auch daran, dass sich die Wähler von heute Informationen aus dem Internet holen können - und somit die Standpunkte der Politiker öfter hinterfragen.

"Schwere Lügen bedeuten also auch für Politiker das Aus", resümiert Sozialpsychologe Marc-André Reinhard. Unrealistische Zukunftsszenarien hingegen gestehe man Politikern bis zu einem gewissen Grad zu. Auch, sich im Zuge des Wahlkampfs besser als die anderen darzustellen. "Für jeden Berufsstand ist der Begriff Lüge in unserer Alltagswahrnehmung anders definiert", sagt Reinhard. Das habe mit Berufsprestige zu tun. Laut "GfK Global Trust Report" 2013 ist übrigens auch das Vertrauen in die Medienbranche nicht überragend: Mit 47 Prozent ist es zwar eindeutig höher als jenes in politische Parteien, in die 19 Prozent Vertrauen haben. Die Medien liegen allerdings nur im Mittelfeld, die Spitze bilden Polizisten (75 Prozent) und Behörden (64 Prozent).

Reinhard teilt die Lügen in zwei Kategorien: die altruistischen, lässlichen sowie die egoistischen Lügen. Während Zweitere ausschließlich dem eigenen Vorteil dienen und andere schädigen, bedient man sich Ersterer, um sich selbst und andere zu schützen. "Die Frage der Freundin etwa, ob ihr neuer Haarschnitt schön ist, wird der Mann immer mit Ja beantworten." Altruistische Lügen seien fixer Bestandteil des Alltags. Wird doch laut Reinhard bei jeder dritten längeren Interaktion gelogen. "Täte man es nicht, hätte man bald keine Freunde mehr." Die Einzigen, die nicht lügen, sind Autisten - und diese gelten als entwicklungsgestört.

Professionelles Lügen kann man indes lernen, so Reinhard: "Die Geschichte muss nicht immer hoch plausibel sein, sondern selbstbewusst und ruhig erzählt werden." Bereits Kinder lernen schnell, wie man erfolgreich Unwahrheiten erzählt. Ab einem Alter von sechs Jahren kann man laut Reinhard von Lügen sprechen.

Blickt man 2,5 Millionen Jahre zurück - jene Zeit, in der man den Beginn der Menschheitsgeschichte ansetzt -, so wurde vermutlich schon damals gelogen. "Seitdem es den Menschen, Bewusstsein und Sprache gibt, gibt es die Lüge", sagt Reinhard. Und mit ihr den Kampf, selbst nicht der Belogene zu sein.