Abends auf der Straße , untertags in einer Privatwohnung: Frauen in der Zwangsprostitution. - © fotolia
Abends auf der Straße , untertags in einer Privatwohnung: Frauen in der Zwangsprostitution. - © fotolia

Wien. Durch Schläge machte er sie gefügig, sperrte sie im Keller ein. Gehorchte sie nicht, drohte er, ihren achtjährigen Sohn zu erschießen: jener 46-jährige Invalidenpensionist aus dem Bezirk Tulln in Niederösterreich (NÖ), der eine 30-jährige slowakische Pflegehelferin ein Jahr lang dazu gezwungen haben soll, Freiern in einem eigens dafür eingerichteten Kellerraum seines Hauses zur Verfügung zu stehen. Am Sonntag machte die Polizei den Fall öffentlich. Der aufgrund eines Verkehrsdeliktes vorbestrafte Mann kam unter dem Verdacht der Vergewaltigung, Zuhälterei und des grenzüberschreitenden Prostitutionshandels in Haft.

Das Opfer hatte sich einer Bekannten anvertraut, die Anzeige erstattete. Im Zuge der Ermittlungen durch das Landeskriminalamt (Bereich Menschenhandel) wurden weitere slowakische und litauische Staatsbürgerinnen ausgeforscht, die angaben, von dem Verdächtigen seit 2004 unter Drohungen und Gewaltanwendung zur Prostitution gezwungen und finanziell ausgebeutet worden zu sein. Sämtliche Opfer stehen in psychologischer Betreuung.

Fälle wie dieser sind kein Einzelfall. Sie heißen Olga, Alina oder Lenka - und sie alle träumen von einer goldenen Zukunft im Westen. Leichte Beute für Menschenhändler, die sie mit falschen Versprechungen locken. Mit Jobs wie Kellnerin, Kindermädchen oder Pflegerin. Und mit der Aussicht, viel Geld zu verdienen.

Am Ziel angelangt merken sie schnell die wahren Hintergründe. Und werden - oft unter dem Vorwand, die Reisekosten abarbeiten zu müssen - zu Leibeigenen. Getrieben von Armut und der Angst, dass bei Ungehorsam der Familie zuhause Leid zugefügt wird, gehorchen sie. Und werden zur "Ware" auf dem Sexmarkt, der nach dem Drogen- und Waffenhandel auf Platz drei der profitabelsten Bereiche rangiert.

500.000 Frauen weltweit sollen es sein, die zur Zwangsprostitution gezwungen werden. In Österreich gibt es Schätzungen zufolge 7000 Prostituierte, 85 Prozent kommen aus dem Ausland: Rumänien (29 Prozent), Bulgarien, Ungarn, Tschechien, der Slowakei und Nigeria. "Man muss davon ausgehen, dass die Prostituierten aus dem Ausland unter Zwang arbeiten und ausgebeutet werden", meint dazu Franziskanerin und Sozialarbeiterin Anna Mayrhofer vom Verein "Solwodi"-Österreich, der diesen Monat von sechs Frauenorden gegründet worden ist.

Der Verein, der durch Spendengelder finanziert wird, engagiert sich im Kampf gegen Frauenhandel und Zwangsprostitution und ist Träger einer Schutzwohnung für acht Frauen in Wien. Er hat seinen Ursprung in "Solwodi"-International, 1985 von der deutschen Missionsschwester Lea Ackermann in Kenia gegründet. Die Schutzwohnung in Wien ist die zweite ihrer Art: Eine weitere wird von der Interventionsstelle für Betroffene des Frauenhandels des Innenministeriums betrieben.