Kremsmünster. Es ist die umfangreichste Anklage, die es je in einem Missbrauchsfall gegeben hat. Und es ist die erste, die einen der 2010 bekannt gewordenen Missbrauchsskandale in kirchlichen Einrichtungen betrifft: Am Dienstag hat die Staatsanwaltschaft Steyr nach dreijährigen Ermittlungen Anklage gegen den 79-jährigen ehemaligen Konviktsdirektor des oberösterreichischen Stiftes Kremsmünster erhoben.

Die Liste der Vorwürfe gegen den Ex-Pater ist lang: Ihm wird schwerer sexueller Missbrauch, Unzucht mit Unmündigen, Nötigung, Missbrauch eines Autoritätsverhältnisses, Quälen und Vernachlässigen unmündiger, jüngerer oder wehrloser Personen sowie der fahrlässige Besitz einer Waffe zur Last gelegt. Letzteres bezieht sich auf eine Pumpgun, mit der der Mann den Schülern immer wieder gedroht haben soll und die bereits 2010 beschlagnahmt wurde. Dem Ex-Geistlichen drohen 15 Jahre Haft, die Anklage ist noch nicht rechtskräftig, der Beschuldigte kann innerhalb von 14 Tagen widersprechen.

Eine lange "Karriere"


Der Mann war von 1962 bis 1998 Lehrer am Stiftsgymnasium Kremsmünster und Erzieher an dem der Schule angeschlossenen Internat. Von 1970 bis 1996 war er auch als Internatsleiter tätig. Diese Zeit wird von ehemaligen Zöglingen als "System Kremsmünster" beschrieben: Die Opfer sprechen neben sexuellem Missbrauch auch von Faustschlägen, Tritten, Schlaf- und Essensentzug. Laut einem "Profil"-Artikel aus 2012 gab er schon im Jahr 2008 seine pädophile Neigung in einer Beschuldigtenvernehmung zu.

Erste Missbrauchsvorwürfe gab es in Kremsmünster schon 1970 - damals betraf es einen anderen Pater, der vom Schuldienst abgezogen wurde. 1995 drohte der nun Angeklagte einem ehemaligen Schüler mit Suizid, sollte dieser an die Öffentlichkeit gehen - angeblich bezahlte er Schweigegeld. 2007 wurde im Zusammenhang mit anderen Vorwürfen gegen den Angeklagten ermittelt, das Verfahren aber 2008 wegen Verjährung eingestellt. Bis im Jahr 2010 neue Vorwürfe auftauchten und einer der Patres der Staatsanwaltschaft eine Sachverhaltsdarstellung übermittelte. Zunächst wurde gegen elf Verdächtige ermittelt, zehn Verfahren aber später wegen mangelnder strafrechtlicher Relevanz oder Verjährung eingestellt.

Gegen den Hauptverdächtigen wurde in insgesamt 39 Fällen ermittelt, übrig blieben 24. Die Opfer zeigten sich am Dienstag erleichtert, dass es endlich zum Prozess kommt, aber bemängelten die lange Ermittlungsdauer. Aus dem Kloster, aus dem der Mann 2012 nach einem kirchenrechtlichen Verfahren ausgetreten ist, hieß es, man begrüße, dass die Untersuchungen nun abgeschlossen sind und die Fälle vom Gericht geklärt werden. Auch der Linzer Generalvikar Severin Lederhilger betonte, es sei im Sinne der Vorgaben der Kirche, dass nun die staatliche Gerichtsbarkeit zum Zug komme.