Wien. Als "neues Kriminalitätsfeld" hatte sie Innenministerin Johanna Mikl-Leitner vor kurzem bezeichnet: Drogen-Substitutionsmedikamente, von denen 2011 laut Zahlen des Innenministeriums doppelt so viele sichergestellt wurden als 2009. Nun holten Österreichs Drogenexperten zum Gegenschlag aus. Mit konkreten Zahlen untermauerten unter anderem Norbert Jachimowicz, Leiter für Substitutionsfragen der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK), und der Wiener Drogenbeauftragte Michael Dressel am Mittwoch ihre Kritik an der Aussage Mikl-Leitners und behaupteten das Gegenteil: Die Substitutionstherapie sei "sehr erfolgreich", senkte die Mortalität bei den Opiatabhängigen in den vergangenen zehn Jahren um zwei Drittel und reduziere die Drogenkriminalität. Jeder in die Behandlung investierte Euro erspare dem Gesundheitswesen zwölf Euro - hundert Euro täglicher Haftkosten stünden rund fünf Euro an Medikamentenkosten gegenüber.

Ein weiterer wesentlicher Punkt laut Experten: Die von Mikl-Leitner bekrittelten retardierten Morphine wie Substitol, die den Wirkstoff über einen längeren Zeitraum abgeben, sollen nun auch in der Schweiz und in Deutschland zum Einsatz kommen. Daneben wird in Österreich auch mit Buprenorphin und Methadon behandelt - allesamt Morphine, die die Entzugserscheinungen unterdrücken, antidepressiv und euphorisierend wirken. Derzeit sind Österreich, Bulgarien und Slowenien die einzigen drei Länder der EU, in denen retardierte Morphine in der Drogen-Substitution verwendet werden.

"Substitol heiß begehrt"

Nicht ohne Grund, wie Mikl-Leitner verdeutlicht hatte: Substitol sei auf dem Schwarzmarkt besonders heiß begehrt, weil es Süchtige verflüssigen und injizieren können - eine Tablette erziele am Schwarzmarkt etwa denselben Preis wie ein Gramm Heroin, also rund 70 Euro. Die intravenöse Einnahme bringe die Gefahr der Überdosierung mit sich. Laut Innenministerin sollte Substitol daher nur in Ausnahmefällen abgegeben oder unter Umständen gar nicht mehr verwendet werden. Zumindest forderte die Ministerin aber bessere Kontrollen bei der Abgabe. Viele würden die Tabletten in den Mund nehmen, aber nicht hinunterschlucken, sondern draußen ausspucken und weiterverkaufen. Primär müsse man die Substitutionstherapie bundesweit evaluieren, um zu erkennen, in welchem Bundesland retardierte Morphine zu einem hohen Prozentsatz abgegeben werden.