Wien. Ein Kampagnenstart gegen Kinderarmut am Wiener Graben mitten im Ersten, zwischen Designermode und Juwelierläden, aus denen teurer Weihnachtsschmuck funkelt? Was auf den ersten Blick befremdend wirkt, ist auf den zweiten klug durchdacht: "Dass es in einem der reichsten Länder immer noch Kinderarmut gibt, ist ein Armutszeugnis für Österreich", sagte Volkshilfe Bundesgeschäftsführer Erich Fenninger am Mittwoch bei der Kampagnenpräsentation. Laut Unicef-Studie "Measuring child poverty" rangiert Österreich nur auf Platz 18 innerhalb der EU.

Kinderarmut ist zwar oft nicht sichtbar, "für 268.000 Kinder und Jugendliche ist sie aber bittere Realität", so Fenninger. Das sind 15 Prozent oder jedes siebente aller heimischen Kinder bis 19. Den deutlich größten Anteil gibt es in Wien: Hier gilt fast jedes dritte Kind als armutsgefährdet. Vorarlberg bildet das Schlusslicht, hier ist es nur jedes 14. Kind.

Die Volkshilfe möchte mit ihrer Kampagne "Kinderarmut ist kein Märchen" diese sichtbar machen. Tatsächlich halten etliche Neugierige am Graben inne. Vielleicht angelockt durch Volkshilfe-Schirmfrau Margit Fischer oder die drei bunten Plakate, die gut sichtbar platziert sind: Mit Weichzeichner und Pastelltönen gaukeln sie eine Idylle vor, die sich beim näheren Hinschauen als Farce entpuppt. Sind doch auf den bewusst lieblich gestalteten Bildern im Stil der 50er Jahre Kinder bei der Delogierung, ein frierendes Mädchen in einer ungeheizten Wohnung und ein Weihnachtsfest ohne großartige Geschenke zu sehen. Fernseh- und Radiospots, bei denen der Buchautor Thomas Brezina Geschichten im Märchenstil aber "ohne gute Fee und ohne Happy End" zu den drei Plakaten erzählt, werden Teil der Kampagne sein.

Öfter krank und in der Entwicklung verzögert

Schirmfrau Fischer plädierte dafür, nicht nur Akut-Hilfe zu leisten, sondern auch die Rahmenbedingungen zu ändern. "Kinder betrifft Armut besonders hart. Sie brauchen Schutz, Raum sich zu entfalten und eine Förderung ihrer Fähigkeiten. Kinder sind unsere Zukunft."

Jene, die von Armut betroffen sind, sind allerdings oft in einem engen Korsett gefangen. Laut Volkshilfe sind sie öfter krank und ihre emotionale und kognitive Entwicklung ist zumeist verzögert. Sie verletzen sich häufiger, haben mehr Infektionskrankheiten, ernähren sich ungesünder und bewegen sich weniger. Von der neuen Bundesregierung fordert die Hilfsorganisation daher eine Kindergrundsicherung, die gemeinsame Schule der 10- bis 14-Jährigen und den Kampf gegen die Kinderarmut als Leitlinie.