Wien. Einer lenkt ab, einer zieht die Geldbörse und einer stellt sich der Situation, falls das Opfer den Diebstahl bemerkt - bei ihm wird allerdings kein Diebesgut gefunden, denn derjenige mit der Börse ist schon längst über alle Berge. Das ist die beliebteste Methode der Taschendiebe auf Weihnachtsmärkten, die vom Trubel ebenso angezogen werden wie deren Besucher. Im Vorjahr schlugen sie übers Jahr verteilt rund 16.400 Mal zu, eine besondere Häufung gibt es in der Adventzeit.

"Professionelle Taschendiebe nutzen aus, dass die Weihnachtsmarkt-Besucher durch das Betrachten der Stände abgelenkt sind", sagt Mario Hejl, Sprecher des Bundeskriminalamtes (BKA), im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Vor allem Frauen seien die leichteren Opfer. Haben sie doch ihre Geldbörse meistens in einer Umhängetasche bei sich, während Männer ihr Geld eher in der Jacke am Körper tragen. "Es ist leichter, eine Geldbörse aus der Tasche als aus der Jacke zu ziehen", sagt Hejl, "Magnetverschlüsse an Umhängetaschen sind aus Sicht des Täters die einfachste Aufgabe".

Anrempeln und Anpatzen

Die Methode, zu dritt zuzuschlagen, sei altbewährt - bei den Tricks, das Opfer abzulenken, seien Taschendiebe indes erfinderisch. "Hier gibt es immer wieder neue", so Hejl, "beliebt ist derzeit, jemanden mit Senf oder einem Getränk anzupatzen". Während man damit beschäftigt ist, den Fleck wegzuputzen, kommt stattdessen die Geldbörse weg.

Andere fragen nach der Uhrzeit oder rempeln ihr Opfer einfach an. Ein weiteres beliebtes Ablenkungsmanöver: Die Diebe lassen eine Geldbörse fallen. Das Opfer hilft beim Aufsammeln der Münzen - danach fehlt ihm selbst die Geldbörse oder sogar die Handtasche, falls es diese beim Bücken abgestellt hat.

Bargeld ist unter Taschendieben am beliebtesten, gefolgt von Bankomat- und Kreditkarten. "Taschendiebe konzentrieren sich voll auf ihr Opfer. Sie haben nur ein Ziel vor Augen: die Tasche mit der Beute. Sie meiden die Blicke ihrer Opfer, um später nicht wiedererkannt zu werden", heißt es vom BKA.

Auf den ersten Blick würde man einen Taschendieb auch nicht als solchen erkennen. Laut Hejl ist er seriös gekleidet und agiert freundlich und ruhig. Die Nationalitäten seien bunt gemischt: Neben wenigen Österreichern finden sich chilenische Gruppierungen genauso wie Banden aus dem ehemaligen Osten.

Ganz anders ist die Palette der Ladendiebe. Von der Hausfrau über den Akademiker bis hin zu organisierten Banden ist hier von jeder Berufs-, Sozial- und Altersschicht jemand darunter. Ob Berufsdiebe oder Gelegenheitstäter am Werk sind - "die Ladendiebstähle eines Jahres machen ein Prozent des Einzelhandelsumsatzes aus", sagt Roman Seeliger von der Wirtschaftskammer. Das entspricht einem österreichweiten Schaden von 580 Millionen Euro. Rund um die Weihnachtszeit wird um etwa 20 Prozent mehr gestohlen als in den anderen Monaten. Jährlich kommt es zu rund 16.000 Ladendiebstählen.

Klein, schick und teuer

Gefragt ist alles, was schick und teuer - aber nicht zu groß ist, damit es leicht eingesteckt werden kann. Parfums, Handys und MP3-Player fallen in diese Kategorie. Sie sind vor allem auch für organisierte Banden interessant, weil sie einen hohen Wiederverkaufswert von 30 Prozent haben.

"In einem Geschäft, in dem sich viele Leute drängen, haben Ladendiebe größere Chancen, etwas mitgehen zu lassen", sagt Seeliger. "Aber auch die Zahl der potenziellen Zeugen ist höher. Außerdem sind in der Adventzeit mehr Privatdetektive unterwegs - und das ist für alle Diebe abschreckend."