Euphorie bei Kriegsausbruch: Französische Soldaten jubeln 1914. - © corbis
Euphorie bei Kriegsausbruch: Französische Soldaten jubeln 1914. - © corbis

Wien. Mit dem Australier Claude Stanley Choules starb am 5. Mai 2011 der wahrscheinlich letzte Veteran des Ersten Weltkriegs. Niemand, der damals an Kampfhandlungen teilgenommen hat, ist noch am Leben und kaum mehr jemand, der die "Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts" bewusst miterlebt hat. Trotzdem gibt es in diesem Jahr nur ein Thema: den Ausbruch des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren. Ein großes, weltweites Gedenkjahr hat gerade begonnen. Doch wie und wessen wird eigentlich gedacht?

In Frankreich und Großbritannien ist der "Große Krieg", wie er dort heißt, fest in der Erinnerungskultur verankert. In Österreich zählt der Erste Weltkrieg "nicht zu den zentralen Gedächtnisorten", wie Heidemarie Uhl von der Akademie der Wissenschaften in einem "Grundlagenpapier" österreichischer Wissenschafter zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs schreibt. "Das Gründungsnarrativ setzt 1945/1955 ein, 1918 bildet nur eine Hintergrundfolie." Daher sei es interessant, wie gerade in den Medien versucht werde, einen Bezug zu heute herzustellen, sagt Uhl zur "Wiener Zeitung".

"Keine Aktualität"


"Die Frage ist: Wie findet man im Ersten Weltkrieg etwas, das uns etwas angeht?" Ein Thema, das laut Uhl noch Aktualität besitzt, ist der Umgang mit Kriegstreibern und Kriegsverbrechern. So wird etwa in Graz diskutiert, ob es noch zeitgemäß ist, eine Straße nach Franz Conrad von Hötzendorf - als Generalstabschef der k.u.k. Armee für Kriegsverbrechen verantwortlich - zu benennen. "Auch Massensterben und Hurrapatriotismus sind heute noch durchaus ein Thema." In mehreren Artikeln war zuletzt von auffallenden Parallelen zwischen 1914 und heute zu lesen: eine globalisierte Welt mit engen politischen und wirtschaftlichen Verbindungen. Derartige Versuche, Ähnlichkeiten zu finden, hält Uhl für "konstruiert. Man kann alles mit allem vergleichen".

Doch wie geht Österreich mit der Zeit von 1914 bis 1918 um? Wenn überhaupt, dann sei das Verhältnis der Alpenrepublik vor allem zum Jahr 1918 "ambivalent": Einerseits ging das Habsburgerreich unter - auf das man sich als Kulturnation gerne beruft -, andererseits wurde die Republik ausgerufen. Letztlich sei der Erste Weltkrieg aber "ein abgeschlossenes historisches Kapitel", zu dem - im Gegensatz etwa zum Zweiten Weltkrieg - der heutigen Generation der direkte Zugang fehle.

Auch Wolfgang Maderthaner, Direktor des Österreichischen Staatsarchivs, räumt ein, dass das Gedenken "viel schwieriger ist als beim Zweiten Weltkrieg, wo es um ein singuläres Massenverbrechen geht. Aber man wird den Zweiten nicht ohne den Ersten Weltkrieg verstehen." Aus der "Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts" würden sich viele Ebenen des Zweiten Weltkriegs ableiten - "und das gibt genügend Stoff her".

Wie also gedenkt Österreich? "Das offizielle Österreich gedenkt eigentlich nicht", sagt Maderthaner, der für das Bundeskanzleramt die Aktivitäten rund um das Weltkriegsjubiläum koordiniert. Formelle Staatsakte sind - zumindest derzeit - also noch nicht geplant. Ganz untätig sind die Ministerien aber nicht, schließlich soll es das erste gesamteuropäische Gedenken werden. Das Hauptaugenmerk des Bundeskanzleramtes liegt etwa auf dem Themenkomplex "Krieg und Medien". Dazu wird es ab 2. Juni im Wiener Palais Porcia eine Ausstellung über das Kriegspressequartier unter dem Titel "Extraausgabe" geben.

Experten-Tagung


Auch das Außenministerium hat einiges vor: So organisiert die Kulturabteilung Wanderausstellungen und am 28. Juni, dem Tag des kriegsauslösenden Attentats auf Thronfolger Franz-Ferdinand, ein Konzert der Wiener Philharmoniker in Sarajevo. Dort wird es auch eine wissenschaftliche Tagung zu dem Thema geben. Ein ganzes Festival mit Konzerten und Diskussionen zu Österreich 1914 bietet schon Ende Februar, die Carnegie Hall in New York. Weitere Veranstaltungen hat das Außenministerium in Belgrad und Brüssel geplant, wobei der Fokus nicht auf dem Kriegsgedenken, sondern auf dem europäischen Friedensmodell liegen soll.

Analog und digital widmet sich die Nationalbibliothek dem Thema. Ab 13. März wird im Prunksaal unter dem Titel "An meine Völker" erstmals die berühmte Kriegssammlung der ehemaligen Hofbibliothek präsentiert. Ab April werden zudem im Internet rund 75.000 digitalisierte Objekte aus den verschiedenen Sammlungen der Nationalbibliothek abrufbar sein, etwa Plakate, Kinderzeichnungen, Flugblätter oder Fotografien. Zudem sind schon jetzt zahlreiche Zeitungen und Zeitschriften aus den Jahren 1914 bis 1918 digital abrufbar.

Kaiserseligkeit


Der Zeithistoriker Siegfried Mattl vom Ludwig Boltzmann Institut für Geschichte und Gesellschaft begrüßt zwar diese ganzen Bemühungen, sieht dem Weltkriegsgedenken aber mit Skepsis entgegen. Wenn sich Österreich mit dem Ersten Weltkrieg befasse, dann "neigt es zu Nostalgie". Überhaupt hätte sich Mattl eine viel stärkere Internationalisierung des Gedenkens gewünscht - nicht nur auf europäischer Ebene. "Mich würde es zum Beispiel interessieren, wie afrikanische Historiker die Rolle der europäischen Kolonialtruppen einordnen", sagt Mattl. Gerade für die früheren Kolonien sei der Erste Weltkrieg - als "Zenit des Imperialismus" - von großer Bedeutung: "In Österreich weiß niemand, welchen Stellenwert zum Beispiel Gallipoli für Australien hat."