Wien. Ein Problem einer völlig neuen Dimension rollt auf Österreich und ganz Europa zu: Die Impfstoffe gehen aus. Mediziner und Apotheker schlagen Alarm. "In Österreich ist der Impfstoff für die Vierfachimpfung Diphtherie-Tetanus-Keuchhusten-Polio langfristig nicht verfügbar und jener für Diphtherie-Tetanus-Keuchhusten mindestens bis Juli nicht", sagt Manfred Heisler vom Institut für Reise- und Tropenmedizin im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Die Lieferung des Tollwut-Impfstoffs sei ebenfalls auf unbestimmte Zeit verzögert. "Es gibt ihn einfach nicht. Wer zurzeit nach Indien fahren möchte, wo die Tollwut weit verbreitet ist, muss umgeimpft fahren - oder die Reise verschieben", so Heisler. In der Österreichischen Apothekerkammer bestätigt man die Engpässe. "Der Tollwut-Impfstoff ist nicht verfügbar, die Vierfachimpfung vergriffen. Der Beratungsaufwand in den Apotheken steigt", heißt es.

Die Reserven für Gelbfieber- und Typhus-Impfstoffe seien hierzulande zwar noch nicht aufgebraucht - in Deutschland klagt man aber auch diesbezüglich schon über Engpässe. Europaweit gibt es seit Wochen Herstellungsprobleme bei Vakzinen gegen Masern, Mumps, Röteln und Windpocken. Das Pharmaunternehmen GlaxoSmithKline meldete diese Woche zum zweiten Mal innerhalb weniger Tage gravierende Lieferschwierigkeiten dieser Impfstoffe.

Impfstoffe nur ein bis

drei Jahre lang haltbar

Ein Grund dafür ist die Monopolisierung der Pharmakonzerne. Viele Impfstoffhersteller sind dadurch weggefallen. "Und die, die übrig gebliebenen sind, haben einfach nicht die Kapazitäten, den gesamten Bedarf zu decken - obwohl sie immer schon Marktführer waren", sagt Heisler. Mit Impfstoffen sei es zudem so eine Sache: Einerseits müsse man die Antigene erst kultivieren, was seine Zeit brauche. Die Herstellung des Impfstoffes gegen Polio etwa dauert 18 Monate, was den Markt extrem unflexibel macht. Andererseits könne man nicht große Mengen auf Vorrat produzieren, weil viele Impfstoffe nur begrenzt (zwischen ein und drei Jahre lang) haltbar seien.

Als weitere Ursache nennt das Unternehmen Sanofi Pasteur MSD, das den Impfstoff gegen Diphtherie-Tetanus-Keuchhusten-Polio herstellt und Österreich beliefert, einen Anstieg der Keuchhusten-Erkrankungen in mehreren Ländern. "Dadurch und durch die Änderung der Impfempfehlung in diesen Ländern, bereits alle zehn Jahre aufzufrischen, ist der Bedarf abrupt angestiegen", sagt die gewerberechtliche Geschäftsführerin Bettina Isnardy. In Österreich wird bereits seit langem eine Auffrischungsimpfung alle zehn Jahre empfohlen. "Wir können den Bedarf derzeit nicht decken." Sanofi Pasteur MSD arbeitet laut Isnardy intensiv an Optimierungsprozessen.

Im Gesundheitsministerium "brennt der Hut noch nicht"

Dennoch beschwichtigt das Gesundheitsministerium. "Vorerst brennt der Hut noch nicht", heißt es auf Nachfrage der "Wiener Zeitung". "Für die 13 Impfungen des kostenlosen Kinderimpfprogramms, die vom Ministerium finanziert werden, ist genug da."

Beim Impfstoff gegen Polio, wo es zu Engpässen kommen könnte, sei das Ministerium in Verhandlungen mit Frankreich, um Nachschub zu erhalten. Dieser müsse nicht unbedingt teurer als österreichische Ware sein. "Das kommt auf die Preisverhandlungen an." Die Auffrischungsimpfungen der Erwachsenen respektive Reiseimpfungen fallen nicht in den Zuständigkeitsbereich des Gesundheitsministeriums, wird betont. Daher könne man auch kein Vorratslager für sämtliche Standardimpfstoffe anlegen.

Genau hier liegt laut Heisler ein weiteres gravierendes Problem begraben: "Die Hersteller, die vom Ministerium den Zuschlag für die Impfstoffe im Rahmen des Impfkonzeptes erhalten, müssen auf Reserve produzieren und die Verfügbarkeit gewährleisten. Dadurch kommen die Impfstoffe nicht mehr auf den Markt." Warum? Weil es immer weniger Hersteller gibt, die mit der Produktion nicht nachkommen. Und hier schließt sich der Kreis.

Begrenzte Alternativen über Zweifachimpfungen

"Prekär ist die Situation bereits für Volksschüler, die die erste Diphtherie-Tetanus-Keuchhusten-Polio-Auffrischungsimpfung benötigen", sagt der Impfreferent der Österreichischen Ärztekammer Rudolf Schmitzberger. Diese Impfung ist nicht mehr Inhalt des Impfkonzeptes des Ministeriums. Wer derzeit eine Auffrischungsimpfung benötigt, muss laut dem Mediziner allerdings auch nicht sofort in Panik verfallen: "Ob man nach neun oder zwölf Jahren auffrischt, ist nicht so wesentlich, man muss bestimmt nicht wieder von vorne mit der Impfserie beginnen." Als Alternative rät der Mediziner, über andere Impfkombinationen auszuweichen: Zweifachimpfungen gegen Diphtherie-Tetanus oder Diphtherie-Polio seien möglich. Dass Keuchhusten dabei ist, sei langfristig aber äußerst wichtig. Bei Kindern könne auch diese Krankheit tödlich verlaufen. Diesen Impfstoff gibt es aber derzeit weder separiert noch in einer anderen Kombination.