Wien. "Ich bin schwanger und ich will das Kind." Kein ungewöhnlicher Gedanke für eine junge Frau. Im Fall von Martina Hela war das aber gar nicht logisch und für die Umwelt sogar irritierend. Der Kindesvater war dagegen, Freundinnen rieten zur Abtreibung und das Jugendamt insistierte auf einer Freigabe zur Adoption oder zur Pflege.

Warum war die Umwelt so negativ? Martina Hela ist schwerbehindert. Sie kann selbstständig sehr wenig. Sie braucht Hilfe beim Essen, Trinken, beim Anziehen, beim Duschen und Waschen. Einfach bei jedem Handgriff. Sie kann auch nicht sprechen, dennoch kann sie kommunizieren. Wer sich mit Frau Hela unterhalten möchte, muss das Alphabet aufsagen, sie nickt dann beim entsprechenden Buchstaben - so entstehen Wörter und schließlich Sätze. Sie war daher auch nicht in der Lage, alleine für ein Kind, zumal ein Baby zu sorgen.

Unterstützung vom Vater war Voraussetzung

Unterstützung bei ihrem Kinderwunsch erhielt Martina Hela von ihrem Vater, bei dem sie damals noch wohnte. "Sein Einverständnis war ausschlaggebend. Wenn er nicht einverstanden gewesen wäre, dann hätte es schlecht ausgesehen", beschreibt Martina Hela in ihrem Buch "Mit Baby im Elektrolli" wie sie schließlich all ihre Wünsche - trotz ihrer sehr schweren Behinderung - durchgesetzt hat.

Selbst in der nahen Verwandtschaft gab es massive Zweifel daran, dass eine Frau wie sie ein Kind haben sollte: "Wie ich mir das vorstelle. Ich könne ja nicht einmal für mich selbst sorgen und wäre hilfloser als ein Baby, und jetzt wolle ich selbst noch ein Baby, nur um die anderen noch mehr zu belasten", beschreibt sie im Buch Vorwürfe ihres Onkels.

Trotzdem: sie hat es geschafft. Mit Hilfe von Kinderfrauen, Heimhilfen und persönlichen Assistentinnen. Und als Mathias noch klein war, gelang es ihr sogar, ihren sehnlichsten Wunsch durchzusetzen - eine eigene Wohnung. Aber all das war keine leichte Übung, es bedurfte eines beständigen Kampfes. Darum, dass die Kinderfrauen nicht versuchten, Mutterstelle einzunehmen, dass die Heimhilfen nicht bestimmten, wann was wie zu geschehen hatte, sondern, dass ihre Wünsche zählten und die Betreuerinnen nur das Handwerk waren. "Ich bin kein armes und bedauernswertes Hascherl. Mein Leben läuft ganz normal ab, trotz meiner Behinderung."

Mutter und Sohn verstehen einander auf ihre Art

Heute ist Mathias 20 Jahre alt, er ist wohlerzogen und kann mit seiner Mutter perfekt kommunizieren - die beiden verstehen einander sozusagen wie im Schlaf. Den Aufbau dieser Kommunikation beschreibt Martina Hela im Buch: Sie habe seine Mimik nachgeahmt, sei er traurig gewesen, habe sie auch traurig geschaut, habe er gelacht, habe sie es ihm gleichgetan. So sei eine gewisse gemeinsame Sprache entstanden. Mathias versteht es auch, ihre Laute richtig zu interpretieren.

Martina Hela ist aber nicht nur Mutter, sie studiert Biologie und schreibt. Schreiben ist eine Tätigkeit, die sie ganz alleine ausüben kann: "Dafür wird mir ein Kopfstab aufgesetzt, mit dem ich die Tasten drücken kann." Das erste Buch ist veröffentlicht, ein zweites bereits in Arbeit. Das Schreiben ist für sie auch ein Weg, anderen behinderten Frauen Mut zur Mutterschaft zu machen. Denn sie ist überzeugt: "Es ist ein Menschenrecht, Mutter zu sein."

Ist es das tatsächlich? Ja, sagt Verfassungsrechtler Heinz Mayer. Diese Interpretation könne man aus Artikel 8 der Menschenrechtskonvention ableiten, der Privat- und Familienleben betrifft.