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Wien. Stieftochter jahrelang vergewaltigt: Obersteirer zu 13 Jahren Haft verurteilt; Baby misshandelt: Vater bekannte sich in St. Pölten schuldig; Baby von Stiefvater: zwölf Jahre Haft und Einweisung in Anstalt für den Burgenländer; Stieftochter begrapscht: sechs Monate bedingt für 54-jährigen Wiener. Das sind nur einige der Meldungen über Missbrauch an Kindern, die allein im Vormonat durch die Medien gingen. Vorfälle wie diese häufen sich - und auffallend oft kommen die Täter aus dem familiären Umfeld.

Die Zahl der Anzeigen wegen sexuellen und schweren sexuellen Missbrauchs ist in den vergangenen Jahren gestiegen. Im Vorjahr wurden insgesamt 711 Fälle angezeigt - vor fünf Jahren waren es 512. Die Aufklärungsquote liegt laut Bundeskriminalamt (BK) bei schwerem sexuellem Missbrauch bei 96,3 und bei sexuellem Missbrauch bei 88,4 Prozent. Fakt ist, dass die Zahl der Anzeigen "leider nur einen ganz geringen Teil" der tatsächlichen Missbrauchsfälle abbildet, wie die Klinische und Gesundheitspsychologin Hedwig Wölfl zur "Wiener Zeitung" sagt. Wölfl leitet das Projekt "Frühe Hilfen" bei der Österreichischen Liga für Kinder- und Jugendgesundheit. "Und Fakt ist auch, dass jeder Missbrauch einer zu viel ist."

Scham und Schuldgefühle


Das Dramatische daran: "Sexueller Missbrauch wird zu rund 85 Prozent von Menschen verbrochen, die dem Kind vertraut sind", sagt Wölfl. Von Familienmitgliedern (45 Prozent), Freunden und Bekannten aus dem sozialen Nahraum. Die Täter sind zu 90 Prozent Männer. Jedes dritte bis vierte Mädchen und jeder siebente bis achte Bub sei von sexueller Gewalt im weitesten Sinn betroffen, ergänzt Martina Fasslabend, geschäftsführende Präsidentin der Kinderschutzorganisation "Die Möwe".

Scham, Angst und Schuldgefühle legen sich wie eine Mauer um die Psyche der Opfer. Das macht es für ein kleines Kind so schwer, darüber zu sprechen und Hilfe zu suchen. Und selbst dann ist diese nicht garantiert. Laut Wölfl braucht ein Kind bis zu sieben Anläufe, bis es einen Erwachsenen findet, der ihm glaubt. Selbst Mütter verschließen mitunter die Augen, wenn der Zusammenbruch der Familie droht.

Je näher das Kind dem Täter steht, desto eher zögere es auch, sich jemandem anzuvertrauen. Zahlreiche, von Vätern verübte Missbrauchsfälle kommen somit nie ans Licht. Dass es auf den ersten Blick scheint, dass mehr Stiefväter zu Tätern werden, entspricht daher laut Wölfl einer eher verzerrten Wahrnehmung der Realität. Wenngleich die Pflegeelternschaft freilich einer der Risikofaktoren sei. Statistiken, die konkret aufschlüsseln, welche Familienmitglieder zu Tätern wurden, gibt es nicht. Weder BK noch "Die Möwe" unterscheiden zwischen Vater und Stiefvater.