Wien. Australopithecus aß laut Evolutionsbiologen Fleisch. Homo erectus aß Fleisch. Und der moderne Mensch tut es sowieso. Wir sind von Natur aus Allesfresser. Das ist das Hauptargument der Vegan-Kritiker, und es hat seine Berechtigung. Schon rein anatomisch gesehen deutet nichts auf einen reinen Pflanzenfresser hin, der normalerweise mehrere Mägen und einen um vieles längeren Darm hat. Auch das Gehirn hätte im Laufe der Evolution nicht zu der beachtlichen Größe, die es heute hat, heranwachsen können, hätte der Mensch nicht Fleisch - und damit viel Eiweiß und Kalorien - zu sich genommen.

Ernährungswissenschafter nehmen den Kritikern allerdings den Wind aus den Segeln - zumindest teilweise. Eine pflanzliche Kost ist ihnen zufolge als Dauerernährung geeignet, allerdings nur, wenn auch Milch und Eier dazu gehören (Ovo-lakto-Vegetarier). "Dann ist die Nährstoffversorgung für gewöhnlich gesichert", sagt Alexandra Hofer von der Österreichischen Gesellschaft für Ernährung.

"Schwere neurologische Störungen sind möglich"

Bei Veganern sei die Sorge vor Mangelerscheinungen indes "nicht unbegründet", so Hofer. Speziell Kinder, Schwangere und Stillende könnten über eine Ernährung ohne tierische Produkte zu wenig Nährstoffe, Mineralien und Vitamine aufnehmen. Kritisch könnte es zum Beispiel bei der Versorgung mit Eiweiß, dem Vitamin B12 sowie Calcium und Eisen werden. Hofer warnt: "Bei voll gestillten Säuglingen und Kleinkindern vegan ernährter Mütter konnten in Einzelfällen schwere neurologische Störungen sowie Störungen der Blutbildung festgestellt werden." Entwicklungsverzögerungen in diesem Lebensabschnitt seien möglich.

Die Philosophin Friederike Schmitz, die selbst seit Jahren vegan lebt, kontert: "Nur Pommes und Burger würde auch bei ,normal‘ ernährten Kindern zu Mangelerscheinungen führen", so Schmitz, die als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Humboldt-Universität in Berlin tätig ist. "Man muss halt besser aufpassen, welche Nährstoffe besonders gebraucht werden und in welchen alternativen Produkten sie enthalten sind." Ohne zu zögern würde sie auch Kinder und Hunde vegan ernähren. Allein bei Katzen sei es etwas umstrittener und individuell unterschiedlich, ob sie ein Futter ohne tierische Produkte gut vertragen.

Dass Veganer ganz besonders auf mögliche Mangelerscheinungen achten sollen, sagt auch Isabelle Keller von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung. Sie rät, eine Ernährungsfachkraft hinzuzuziehen. Von einer veganen Ernährung bei Kindern rät zwar auch sie aus denselben Gründen wie Hofer ab - wenn sich Eltern aber trotzdem dafür entscheiden, sollten sie unbedingt regelmäßig einen Arzt mit den Kindern aufsuchen.

Prinzipiell könne man Nährstoffe, Mineralien und Vitamine auch über andere Lebensmittel zu sich nehmen. Am schwierigsten funktioniere das beim Vitamin B12, weil es beinahe ausschließlich in tierischen Produkten enthalten sei. Laut Keller gibt es aber auch im Sauerkraut sowie in bestimmten Algenarten Bakterien, die Vitamin B12 produzieren. "Das reicht aber alles nicht aus, daher sollte Vitamin B12 in Form von Tabletten sublimiert werden."

Bezüglich Calcium empfiehlt die Ernährungsexpertin, calciumreiches Mineralwasser zu trinken. Es gebe bereits Sorten, in denen 600 Milligramm Calcium pro Liter enthalten seien. "Mit eineinhalb Litern davon täglich ist man auf der sicheren Seite", so Keller. Wintergemüse wie Lauch und Fenchel sowie Nüsse und Samen seien ebenfalls empfehlenswert.

Eisen sei in Vollkornbrot, Getreide, Hülsenfrüchten und der Schwarzwurzel enthalten. Das einzige Problem dabei: Unser Körper nimmt das Eisen besser auf, wenn es aus Fleisch und nicht aus pflanzlichen Lebensmitteln kommt. Die Lösung ist Vitamin C. Keller: "Es beschleunigt die Aufnahme, daher sollte man gleichzeitig einen Paprika essen oder einen Orangensaft trinken."

Vegetarier haben eine längere Lebenserwartung

Für eine ausreichende Eiweiß- und Proteinzufuhr müssten Veganer Getreide mit Hülsenfrüchten kombinieren. Vegetarier könnten Eier dazu essen.

Das große Plus der Veganer und Vegetarier sei, dass sie "sehr gesundheitsbewusst sind", sagt Keller. Vegetarier hätten sogar
eine längere Lebenserwartung. "Denn Fleischessen allein heißt noch lange nicht, sich gesund und ausgewogen zu ernähren."