Odo Wrumnik kann in einer Einrichtung für betreutes Wohnen ein selbstbestimmtes Leben führen. - © Jan Michael Marchart
Odo Wrumnik kann in einer Einrichtung für betreutes Wohnen ein selbstbestimmtes Leben führen. - © Jan Michael Marchart

Wien. "Kommen Sie nur", schallt es durch den Garten. "Kommen Sie nur." Beim zweiten Mal sind die Worte etwas leiser. Die Person ist nicht zu sehen, bis sie mit einer zweiten im Schlepptau durch die Eingangstüre tritt. "Hier geht’s rein", sagt der Herr mit grau meliertem Bart im roten Hemd, das etwas schlampig in die Jeans gesteckt ist. Er bietet seine Hand zur Begrüßung an. Sein Name ist Marko Riedl, 35. Er wirkt aufgeregt, ist außer Atem. "Wir haben schon auf Sie gewartet."

Riedl wohnt in dem Haus mit elf anderen. Jeder hat seine eigene Wohnung. Aber mit dem Unterschied, dass sie betreutes Wohnen für Menschen mit Behinderung und Lernschwierigkeiten in Anspruch nehmen. Deswegen lebt er in der Villa Gams in Liesing, die 2011 von Jugend am Werk in Betrieb genommen wurde. 820 Personen unterstützt Jugend am Werk im Wohnbereich, davon 430 mit begleitetem Wohnen. Also Menschen, die mehr oder weniger selbständig sind und nur gezielt Unterstützung bekommen.

Einzigartig an der Villa Gams ist, dass die Klienten hier keine ständige Betreuung brauchen, wodurch sich die Einrichtung von einer 24-Stunden-Hilfe oder einer klassischen, vollbetreuten Wohngemeinschaft klar unterscheidet. Betreuer sind nur tagsüber da, sie sind Ansprechpartner für größere Besorgungen und Bürokratie. In der Früh und über Nacht sind die Klienten alleine, Hilfe gibt es auf Abruf. Sechs Betreuer sind in der Villa Gams angestellt.

"Man traut ihnen definitiv zu wenig zu", sagt Betreuer Raphael Wallner. Und er fügt an: "Man wird auch immer noch komisch angesehen, wenn man mit den Klienten in der Stadt unterwegs ist. Man möchte sich nicht mit ihnen auseinandersetzen und sie nicht in ihr ,normales‘ Gesellschaftsmodell inkludieren." Denn nicht alle sind Menschen mit Behinderung wohlgesinnt. Nach wie vor sind sie Opfer von Diskriminierung - es fehlt an Toleranz in der Gesellschaft. Wenn überhaupt, treffen sie nur abweisende Blicke auf der Straße.

Diffamierungen im
Internet und Vorurteile


Es kommt vor, dass sie im Internet diffamiert werden. "Da spricht aus vielen wirklich blanker Hass und Ablehnung", schildert der Sprecher von Jugend am Werk, Wolfgang Bamberg. "Im Alltag sind nach wie vor Berührungsängste mit Personen mit Behinderung vorhanden, aber das Klima hat sich verbessert. Man geht davon aus, dass das Gegenüber nichts versteht. Es gibt immer wieder Schwierigkeiten, wenn sie in eine eigene Wohnung ziehen und die Nachbarn große Vorbehalte haben. Etwa Lärm- oder Geruchsbelästigung. In der Schule kommt es vor, dass Eltern befürchten, dass ihre Kinder durch die Behinderung eines anderen Kindes gestört werden könnten."

Damit nicht genug: Auch Drohbriefe werden noch an zuständige Einrichtungen gesendet, "das hat aber in den letzten Jahren stark abgenommen". Vor zwei Jahren erhielt Bamberg eine anonyme Zuschrift, in der gefordert wurde, dass es Zeit wäre, "Jugend am Werk endlich zu schließen, anstelle Steuergeld hineinzupumpen und Depperte, Gestörte, Wahnsinnige und mongoloide Ausländer, die den Staat nur kosten, aber nichts leisten, zu versorgen. Früher habe man mit dem unnützen Pack aufgeräumt. Schließlich gilt es, das Leid dieser Menschen nicht unnötig zu verlängern." Bamberg erinnern solche Zeilen an Euthanasie der NS-Zeit.

Die staatliche Akzeptanz von Menschen mit Behinderung hat aber aus seiner Sicht zugenommen: "Durch die Behindertenanwaltschaft des Bundes und durch das Gleichstellungsgesetz, aber vor allem seit der Ratifizierung der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung in Österreich stehen deren Rechte stärker im gesellschaftlichen und politischen Fokus."

"Ohne Arbeit würde
mir etwas fehlen"


"Ich möchte Erster sein", ruft Riedl und zeigt auf. Hinter ihm steht Odo Wrumnik, 52. Er wirkt schüchtern, versteckt sich hinter seinem Vordermann. Zunächst. Denn er ist viel zu neugierig. "Dann bin aber ich dran", sagt er und läuft die Treppen rauf in den ersten Stock. Er hat seine Wohnung für den Besuch vorbereitet.

Riedl erzählt von den Betreuern, als müsse man sie kennen. Die Geschichten, die er schildert, geben einem das Gefühl, als wäre man lange mit ihm befreundet und hätte sich wiedergetroffen. Ohne Distanz, ohne Angst berichtet er aus seinem Leben. Vom DJ-Kurs, den er besucht, und davon, dass er gerne die Betreuungseinrichtung wechselt, um nicht in Monotonie zu verfallen. Vor allem aber möchte er dadurch neue Menschen kennenlernen.

"Heute hatte ich frei", sagt er vergnügt. "Aber morgen geht es wieder los." Riedl arbeitet in einer betreuten Werkstätte. Die Arbeitsoptionen sind vielfältig und werden nach den Vorlieben der Klienten vergeben, sofern es ihr Zustand zulässt. "Es gibt auch Fälle, in denen sie nicht mehrere Stunden in ein und demselben Raum verbringen können. Daran muss man sich orientieren und die Tätigkeit an die Bedürfnisse anpassen", erklärt Betreuer Wallner. Fertigungsarbeiten werden ebenso verrichtet wie der Postversand oder die Ausgabe von Speisen im hauseigenen Buffet.