Bei der Dosierung von Tabletten wird selten zwischen Mann und Frau unterschieden. - © fotolia/Tim
Bei der Dosierung von Tabletten wird selten zwischen Mann und Frau unterschieden. - © fotolia/Tim

Wien. Diskussionen über Gendergerechtigkeit gibt es viele. Schon längst haben sie die Bereiche Bildung, Beruf und Sprache erreicht. Dort, wo der Unterschied zwischen Mann und Frau am deutlichsten ist, werden genderspezifische Aspekte aber stiefmütterlich behandelt: Medizinische Forschung wird vorwiegend an Männern und männlichen Jungmäusen betrieben und der Großteil der Medikamente an Männern getestet. Denn vorgeschriebene Prozentsätze, wie viele Probandinnen an Studien teilnehmen müssen, gibt es in der EU nicht.

Der Mann gilt als Prototyp in der Medizin. Etwaige Unterschiede werden oft ignoriert - und Frauen dadurch weniger effektiv behandelt. Laut einer Umfrage der SPÖ-Frauen, die diese am Donnerstag präsentiert haben, wünschen sich Frauen den Einzug der Gender-Medizin in sämtliche Fachgebiete.

Tod durch Nebenwirkungen


Ansatzpunkte gebe es viele - zum Beispiel bei der Forschung zur Wirkungsweise von Medikamenten, sagt Alexandra Kautzky-Willer, Obfrau der Gesellschaft für geschlechtsspezifische Medizin, zur "Wiener Zeitung". Die meisten Medikamente würden an 30- bis 40-jährigen Männern getestet. "Eine Probandin könnte nämlich schwanger und das Kind geschädigt werden. Daher hat die Forschung lange Zeit Frauen ausgeschlossen." Das Resultat: Bei vielen Medikamenten wisse man nicht, wie sie bei Mädchen und Frauen wirken. In den meisten Beipacktexten wird lediglich zwischen Erwachsenen und Kindern unterschieden.

Frauen sind in der medizinischen Forschung benachteiligt. - © fotolia/Tim
Frauen sind in der medizinischen Forschung benachteiligt. - © fotolia/Tim

"Medikamente müssen angepasst werden", fordert Kautzky-Willer. Denn Tatsache sei, dass diese bei Frauen ganz anders als bei Männern wirken und - mitunter zyklusabhängig - abgebaut werden. Zudem komme es bei Frauen öfter zu Nebenwirkungen. Fatale Folgen hatte das in den Anfängen der HIV-Therapie. Mehrere Frauen starben an den Nebenwirkungen eines Medikaments, weil man die Dosis ausschließlich an Männern erforscht hatte.

Trotz der Männer-affinen Medizin leben Frauen um durchschnittlich fünf Jahre länger, von der zusätzlichen Lebenszeit profitieren sie aber nur bedingt: Sie verbringen weniger Jahre in Gesundheit und leiden vor allem an chronischen Krankheiten. Frauen und Männer sind generell unterschiedlich stark für bestimmte Krankheiten anfällig. Dennoch darf man vor offensichtlichen Symptomen nicht die Augen verschließen, nur weil sie als untypisch gelten. Die Gefahr von Nieren- und Herz-Kreislauferkrankungen etwa, die als Männerleiden bekannt sind, werde bei Frauen oft unterschätzt, sagt Kautzky-Willer. Gleichzeitig werden Osteoporose oder Depressionen bei vielen Männern nicht erkannt.

Lehrstuhl an der MedUni Wien


Bis Gender-Medizin über die Urologie und Gynäkologie hinaus in allen Fachgebieten berücksichtigt wird, wird noch viel Zeit vergehen. Seit vier Jahren gibt es zumindest einen Lehrstuhl für Gender-Medizin an der MedUni Wien, den Kautzky-Willer innehat. Martin Wehrschütz von der Ärztekammer meint dazu: "Die Vermittlung von gendermedizinischen Inhalten ist der Ärztekammer ein ausgesprochen wichtiges Anliegen. Nach einem positiven Vorstandsbeschluss arbeiten wir intensiv an der Einrichtung eines entsprechenden Diploms und sind zuversichtlich, dass wir den Ärzten im Lauf der nächsten Monate die ersten Kurse anbieten können."

In etwa 125.000 Jahren könnte sich Gender-Medizin bereits wieder erübrigt haben: Dann könnte Theorien zufolge das männliche Y-Chromosom und damit der Mann ausgestorben sein. Bei einigen Tierarten wie der Stachelratte ist das bereits passiert. Dass dem Menschen ein ähnliches Schicksal bevorsteht, ist aber mehr als umstritten.