Selfies, die fast schon sekündlich hunderten Freunden ein Leben voller Spaß und Abenteuer suggerieren sollen, könnten bald schon der Vergangenheit angehören. - © Corbis/Dieter Schewig/Westend61
Selfies, die fast schon sekündlich hunderten Freunden ein Leben voller Spaß und Abenteuer suggerieren sollen, könnten bald schon der Vergangenheit angehören. - © Corbis/Dieter Schewig/Westend61

Wien. Ein Selfie im Pyjama gleich nach dem Aufstehen, ein Selfie ganz verschlafen mit Kaffeehäferl, eines vom Blödeln mit den Kolleginnen während der Büropause und eines ausgelassen feiernd auf der Party am Abend. Das Leben muss abenteuerlich sein und lustig - oder zumindest auf den auf Facebook geposteten Fotos so wirken. Auf jeden Fall aber müssen die Bilder, auf denen man sich in Szene setzt, spannender als die des Vorposters sein, damit man aus der Masse heraussticht. Einer aktuellen Umfrage in der Schweiz zufolge versuchen acht von zehn Selfie-Postern, sich so positiv wie nur möglich darzustellen. Attraktiv, erfolgreich und perfekt: So wollen sie von den anderen wahrgenommen werden.

"Die Gesellschaft gibt den Blick auf sich selbst vor"

Dieses Sich-zur-Schau-Stellen erzeugt Druck. Denn irgendwann ist eine Party nun einmal langweilig oder eine Büropause lähmend - und was postet man dann für seine hunderten Facebook-Freunde? Dieser Druck wird zahlreichen Jugendlichen offenbar zu viel. Rückzug ist die logische Antwort darauf und Defriending der neue Trend: das Streichen der Freunde von der Facebook-Liste, bis nur einige wenige übrig bleiben. "Man hat nur noch mit denen Kontakt, mit denen man im echten Leben auch befreundet ist", sagt Martina Schorn vom Institut für Jugendkulturforschung im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". "Die Qualität der Freundschaft wird wieder wichtiger."

Noch sei es eine Minderheit höher gebildeter Jugendlicher, die ihren Facebook-Auftritt nur mehr einer Handvoll Freunde zugänglich machen oder sogar aus der gesamten Social-Media-Community (also zum Beispiel auch Twitter, YouTube, Instagram oder WhatsApp) austreten. "Im vergangenen halben Jahr ist deren Zahl aber massiv gestiegen", so Schorn.

Es sei die Diskrepanz zwischen Realität und Darstellung, vor der diese jungen Menschen flüchten. Auf den Fotos, die man ins Internet stellt, zählen vor allem Äußerlichkeiten, mit der Zahl der Likes steigt das Selbstbewusstsein. "Die Gesellschaft gibt den Blick auf sich selbst vor", sagt dazu der Grazer Kinder- und Jugendpsychologe Roland Bugram. Soziale Qualitäten rückten in den Hintergrund, die Jungen durchlebten eine von einer virtuellen Persönlichkeitsentwicklung geprägte Pubertät.

Den Drang zur Selbstdarstellung in dieser neuralgischen Phase zwischen Kindheit und Erwachsenenleben gab es zwar schon immer, "früher tat man es aber auf mehreren Plattformen", sagt Bugram. Ob bei der Freiwilligen Feuerwehr oder der Blasmusikkapelle: Es gab viele Möglichkeit sich zu profilieren und zu präsentieren.

Die Selbstdarstellung wird oft auf Selfies reduziert


Und heute? "Heute geht es in eine individualisierte und egomane Richtung", so Bugram. Die Selbstdarstellung wird mitunter auf die virtuelle Internet-Plattform reduziert. Das könne psychische Störungen wie Angstzustände, Depressionen und Schlafstörungen hervorrufen. Jugendliche liefen Gefahr, in der Persönlichkeitsentwicklung hinterherzuhinken.

Das muss laut Bugram freilich nicht passieren, Jugendliche in einem stabilen Umfeld seien weit weniger gefährdet als etwa Scheidungskinder. Für alle gelte aber, dass sie lernen müssten, sich selbst und auch ihre Freunde im Internet zu schützen.

Eine Grundregel ist laut Bernhard Jungwirth vom Institut für angewandte Telekommunikation, das die Initiative Saferinternet.at koordiniert: "Wenn andere Personen auf einem Selfie zu sehen sind, kann das problematisch werden. Denn jeder hat das Recht am eigenen Bild."

Vor allem beim Sexting - also dem Tauschen von Nacktfotos mit dem Freund oder der Freundin - müsse man sich bewusst sein, dass jede Beziehung in Brüche gehen kann. Die Fotos könnten dann im Zuge einer Racheaktion ins Internet gelangen und somit für jeden sichtbar werden.

Die Zukunft sollten auch Eltern kleiner Kinder laut Jungwirth mitbedenken. Denn kaum jemand will vermutlich als Erwachsener mit Badefotos im Babyalter in Verbindung gebracht werden. Zudem könnten sie Pädophile anlocken.

Jungwirth rät, immer wieder einmal nach sich selbst zu googeln und zu überprüfen, wie man selbst im Netz dargestellt wird. Findet man ein unerwünschtes Foto von sich und wird es auch nach Aufforderung nicht von der Seite gelöscht, kann man sich mit einer Beschwerde an den Internetombudsmann (www.ombudsmann.at) wenden.

Bei jedem Foto, das man von sich selbst hochladen möchte, sollte man sich fragen: "Will ich mich so inszenieren? Würde ich so ein Foto von mir an einem öffentlichen Platz aufhängen?" Denn das Internet ist nichts anderes als ein öffentlicher Platz. Es ist für jeden zugänglich.