Wien. Beim Ticketautomaten brauchen sie Hilfe, weil sie "die Brille vergessen" haben. Wenn sie auswärts essen, bestellen sie immer Schnitzel, um nicht die Speisekarte entziffern zu müssen.

Analphabetismus ist kein Problem, das nur Entwicklungsländer betrifft. In Österreich kann fast eine Million Menschen im erwerbstätigen Alter nicht ausreichend lesen. Es sind viele Einheimische, die etwa nicht in der Lage sind, sich eigenständig eine Wohnung zu suchen: Fast zwei Drittel sind deutsche Muttersprachler, nur 30 Prozent haben eine andere Erstsprache als Deutsch. Die meisten dieser Menschen (62 Prozent) stehen im Berufsleben, weit mehr als in den anderen OECD-Ländern. Doch für Erwachsenenbildner ist all das nichts Neues. "Vor 25 Jahren gab es erste Anzeichen, dass Analphabetismus in der Ersten Welt Thema ist", sagt Christian Kloyber, Direktor des Bundesinstituts für Erwachsenenbildung.

Die Stigmata sind groß

Heute spricht man von "Basisbildung", denn die Erfahrung hat gezeigt: Für Kurse mit dem Titel "Alphabetisierung" melden sich wenige Menschen an - die Stigmata sind nach wie vor zu groß. Daher heißen die Kurse "Schreibkompetenz" oder "neue Rechtschreibung", erklärt Beate Gfrerer, Leiterin der Kärntner Volkshochschulen (VHS). Bei der Basisbildung geht aber um mehr als Schreiben, Lesen, Rechnen. Auch der Umgang mit Informationstechnologien wird erlernt: "Social Media interessiert alle", so Gfrerer, wobei oft erst der Umgang mit Bankomaten oder an Ticketschaltern erlernt werden muss. In Kleingruppen marschieren sie in Ämter und füllen übungsweise Formulare aus. In Kärnten haben sich diese Kurse in den letzten zwei Jahren verdreifacht - und das carinthische Bundesland ist keine Ausnahme, österreichweit sind Basisbildungskurse sehr gefragt. Alleine in Kärnten holen derzeit 180 Personen Basisbildung nach. Der durchschnittliche Teilnehmer ist 33 Jahre alt und männlich. Denn während es sich an den VHS in der Regel andersherum verhält, sind bei der Basisbildung 60 Prozent Männer.

"Österreicher hochtabuisiert"

Der Großteil kommt aus nicht-deutschsprachigen Haushalten. Dabei hat der OECD-Test PIAAC Österreichern mit deutscher Muttersprache große Mängel bei der Basisbildung attestiert. Dass diese Menschen selten professionelle Hilfe in Anspruch nehmen, liegt daran, dass dies nach wie vor "hochtabuisiert" ist, sagt VHS-Generalsekretär Gerhard Bisovsky: "Migranten haben einen eigenen Antrieb, sich Grundkenntnisse anzueignen, Österreicher zu erreichen ist wesentlich schwieriger." Dabei wären Basiskenntnisse wichtig, um sich am gesellschaftlichen und politischen Leben beteiligen zu können, so Bisovsky weiter: "Wenn man die Aussagen einer politischen Partei nicht versteht, ist es einfacher, Demagogen auf den Leim zu gehen." Menschen mit Basiskompetenzen seien überdies weniger dem Risiko der Arbeitslosigkeit ausgesetzt.

Kampagne gefordert

Die Betroffenen hanteln sich meist von Tag zu Tag, versuchen sich nichts anmerken zu lassen und werden oft von einer Vertrauensperson unterstützt. Dass Basisbildungskurse und das Nachholen Pflichtschulabschluss durch die Initiative Erwachsenenbildung kostenlos ist, ist ihnen oft nicht bekannt. Die Zielgruppe sei schwierig erreichbar, sagt Bisovsky. In Deutschland ist Aufklärung und Enttabuisierung durch bundesweite Fernsehkampagnen gelungen, während in Österreich eher vereinzelt und projektbezogen gearbeitet wird. Bisovsky fordert daher eine Bundesstelle, die die Gesamtkoordination der Angebote übernimmt: "Hier bräuchte es mehr Abstimmung."

Die Erwachsenenbildung will aber nicht nur Menschen im erwerbsfähigen Alter erreichen. Aufgrund der demografischen Entwicklung stehe die Erwachsenenbildung neue Herausforderungen, so Kloyber, und erzählt von einer wohnungslosen Frau in Wien, die lesen und den Umgang mit dem PC erlernt hat, um ihrem Enkel vorlesen zu können.