Zeugen einer schrecklichen Nacht: Die Kultgegenstände wie Tora-Kronen sind im Jüdischen Museum ausgestellt. Sie wurden aus dem brennenden Währinger Tempel geborgen. - © www.wulz.cc
Zeugen einer schrecklichen Nacht: Die Kultgegenstände wie Tora-Kronen sind im Jüdischen Museum ausgestellt. Sie wurden aus dem brennenden Währinger Tempel geborgen. - © www.wulz.cc

Wien. Feuer und funkelnde Scherben: Die zerberstenden Fensterscheiben der Synagogen ließen Nationalsozialisten die Nacht von 9. auf 10. November 1938 später als "Reichskristallnacht" bezeichnen. Hinter diesem klingenden Namen verbirgt sich allerdings ein Bild katastrophaler Verwüstung. Mehr als 1400 Synagogen, jüdische Geschäfte und Wohnungen brannten oder wurden zerstört. 1500 Menschen starben. Unzählige Jüdinnen wurden vergewaltigt. Nachweislich 26.000 Juden kamen in der Folge ins Konzentrationslager. Die systematische Judenverfolgung hatte begonnen.

Gedenkveranstaltungen sollen diesen Sonntag daran erinnern, welche Auswüchse des Antisemitismus der Befehl Joseph Goebbels ausgelöst hat. Er hatte dazu aufgerufen, sämtliche jüdische Geschäfte und Synagogen zu zerstören. Goebbels hatte diese Anweisung als Spontanreaktion auf das Schussattentat auf NSDAP-Mitglied Ernst Eduard vom Rath durch den polnischen Juden Herschel Grynszpan getarnt. Tatsächlich aber war das Attentat ein willkommener Grund für die entscheidende Wende von der Judenverdrängung hin zur Judenvernichtung im NS-Regime.

Bewusste Aufarbeitung des Nationalsozialismus


Heute betrachtet man diesen Teil unserer Geschichte freilich differenzierter als in den Jahren nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Während damals die Judenvernichtung im Schulunterricht noch totgeschwiegen wurde, setzte etwa Mitte der 1980er Jahre eine bewusste Aufarbeitung des Antisemitismus und des Nationalsozialismus in Österreich ein. Der Besuch des ehemaligen Konzentrationslagers in Mauthausen ist mittlerweile zur schulischen Pflichtveranstaltung geworden.

Diese Phase der Aufarbeitung werde allerdings von einer neuen Art des Judenhasses überschattet, sagt Oskar Deutsch, Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde, zur "Wiener Zeitung". "Der islamistische Judenhass steigt stark an", sagt er und warnt vor einem neuen antisemitischen Schub in Europa seit diesem Sommer.

Deutsch spricht damit Angriffe auf Synagogen und Juden in Deutschland und Schweden sowie die Demonstration gegen die israelitische Militäroperation im Gazastreifen im Juli dieses Jahres in Innsbruck an. Unmittelbar danach kam es beim Fußballmatch zwischen dem französischen Oberhausclub OSC Lille und dem israelischen Verein Maccabi Haifa im salzburgischen Bischofshofen zu einen Zwischenfall: Nachdem zum Teil türkischstämmige Besucher mit palästinensischen Flaggen auf das Feld gestürmt waren und israelische Spieler attackiert hatten, brach man das Spiel ab.