Wien/Baumgarten. Nicht ganz 200 Einwohner, naturgeschützte Storchnistplätze und 40 Milliarden Kubikmeter Gas - jährlich. Die beschauliche Gegend rund um Baumgarten an der March ist seit den 1970er Jahren der wichtigste Gasknotenpunkte in Zentraleuropa. Fünf Pipelines laufen im Gas-Hub nahe der slowakischen Grenze zusammen. Etwa ein Drittel des russischen Gasexports läuft über Baumgarten und wird weiter nach Ungarn, Italien, Kroatien, Slowenien, Deutschland und Frankreich verteilt. Betreiber ist die Gas Connect Austria, ein Unternehmen der OMV.

"Baumgarten ist Österreichs größte Übernahmestelle und Hauptverteilknoten für Erdgas aus Russland, Norwegen und anderen Ländern", erklärt Laura Pedaring, Sprecherin der Gas Connect. "South Stream wäre eine weitere Aufwertung für Baumgarten gewesen", sagt Bernhard Painz, Leiter der Abteilung Gas bei der E-Control. Doch auch wenn Russland den Mega-Deal um den Bau der Gaspipeline platzen lässt, bleibe der kleine Ort im Nordosten Österreichs ein strategisch wichtiger Gasknotenpunkt, meint Painz. Derzeit sind Ausbauprojekte mit Slowenien und Ungarn in Planung, die ebenfalls im Gas-Hub zusammenlaufen. Außerdem plane die EU Investitionen in die Aufwertung und Sanierung jener Pipeline, die über die Ukraine Gas nach Europa liefert.

50 Jahre "Druschba"


Die OMV hat im Juni 1968 einen Erdgasliefervertrag mit der damaligen UdSSR unterzeichnet - als erstes westeuropäisches Unternehmen. Über die Pipeline Druschba (zu Deutsch "Freundschaft", Anm.) kommt seit fast 50 Jahren russisches Gas über die Ukraine in die Verdichtungsstation in Baumgarten und wird von dort in den Rest Österreichs und in Richtung Westeuropa verteilt. Die Lieferverträge wurden immer wieder verlängert. Mit der russischen Gazprom gibt es bis 2027 langfristige Vereinbarungen, die immer wieder neu verhandelt werden.

Über die Pipeline Druschba sind zuletzt 62 Milliarden Kubikmeter Gas nach Europa geflossen - weitere 52 Milliarden Kubikmeter fließen über die Pipelines Nordstream und Jamal. Etwa 40 Millionen Kubikmeter des Druschba-Gases kommen nach Baumgarten und werden hier weiter verteilt. Ein Zehntel bleibt in Österreich, der Rest fließt ins Ausland. "Gazprom war immer ein verlässlicher Partner", sagte OMV-Chef Gerhard Roiss in Bukarest vor Journalisten. Der geplatzte South-Stream-Deal und die Erdgaslieferungen aus Russland müssten getrennt betrachtet werden, denn über die Ukraine fließe weiterhin Gas.

Strategischer Knotenpunkt


"Das ist der zentrale Gas-Hub für Mitteleuropa und für die OMV ist es Priorität, den Standort zu sichern", sagt Robert Lechner, Sprecher der OMV zur "Wiener Zeitung". Für den Standort sei eine Diversifizierung der Routen und der Quellen wichtig. Mit Diversifizierung der Route ist gemeint, dass man alternative Gasrouten erschließt und damit die Ukraine umgeht, wie das beispielsweise bei South Stream geplant war.

Aufgrund der anhaltenden Spannungen mit Russland muss Europa aber auch über alternative Gasquellen nachdenken. Derzeit stammt ein Drittel der europäischen Gasversorgung aus Russland. In Österreich wird circa die Hälfte des Gasbedarfs mit russischem Gas gedeckt.

Sollten in Zukunft alternative Gasquellen erschlossen werden, dann führt auch hier fast kein Weg an Baumgarten vorbei. Die Pipeline Nabucco sollte Erdgas aus Aserbaidschan vorbei an Russland über Bulgarien, Rumänien und Ungarn nach Europa leiten. 2013 wurde Nabucco abgeblasen. Sollte das zugunsten vom South Stream gescheiterte Projekt aber wieder auferstehen, wird der Gas-Hub in Baumgarten auch hier eine zentrale Rolle spielen.

Die OMV sucht intensiv nach neuen Gasquellen, die im Endeffekt auch mehr Unabhängigkeit von Russland bedeuten würden. Noch unerschlossene Gasfelder im Schwarzen Meer vor der rumänischen und bulgarischen Küste könnten sich als Alternative erweisen. Vor zwei Jahren war die OMV gemeinsam mit dem US-Konzern Exxon auf ein riesiges Gasfeld gestoßen. Im Rahmen eines Joint Ventures wollen beide Unternehmen in den kommenden zwei Jahren mit der Exploration der Gasfelder beginnen. Dafür nehmen die Konzerne je 500 Millionen Euro jährlich in die Hand.

Russland ventiliert Alternative


Indes lockt Russland mit einer Alternative zu South Stream. Man sei "bereit zu Verhandlungen" über eine andere Erdgaspipeline, sagte EU-Botschafter Wladimir Tschischow und nannte als mögliche Partner Österreich, Ungarn und Serbien.