Wien. Drohende Versorgungsmängel, längere Wartezeiten, zu wenige Ärzte: Die Hilferufe und Hiobsbotschaften aus den unterschiedlichen Sparten der Gesundheitsberufe werden immer lauter. Aktuell kämpfen die Spitalsärzte im Streit um das neue EU-Arbeitszeitgesetz für eine höhere Bezahlung und attraktivere Arbeitszeitmodelle. Zu diesem Zweck müsse die Primärversorgung gestärkt werden, heißt es, womit wiederum eine Aufwertung sämtlicher Gesundheitsberufe von der Pflege bis hin zum medizinisch-technischen Dienst einherginge. Deren Vertreter stellen daher ebenfalls Forderungen: Sie wollen eine bessere Ausbildung und mehr Kassenverträge.

Es zwickt an allen Ecken und Enden: Wertet man Gesundheitsberufe wie Masseur auf, werden vermutlich höhere Sozialversicherungsabgaben fällig. Wer will das schon? - © Fotolia/apops
Es zwickt an allen Ecken und Enden: Wertet man Gesundheitsberufe wie Masseur auf, werden vermutlich höhere Sozialversicherungsabgaben fällig. Wer will das schon? - © Fotolia/apops

Österreichs Gesundheitssystem steht offenbar vor einem Umbruch. Was fehlt, ist Geld. Ein Faktor, der in Anbetracht der demografischen Entwicklung an Dringlichkeit gewinnt: In 20 Jahren werden der Statistik Austria zufolge mehr als 25 Prozent der Bevölkerung über 65 Jahre alt sein. Aktuell sind es 18 Prozent.

Zu aussichtslos, um
zu behandeln

Doch wer soll zahlen, damit das Horrorszenario einer medizinischen Unterversorgung nicht eintritt? "Das ist immer die Kernfrage: ,Who pays?‘", sagt Eiko Meister, Internist und Gesundheitssprecher des Think Tanks "Weis[s]e Wirtschaft", und gibt auch gleich die Antwort darauf: "Wir werden um höhere Sozialversicherungsabgaben und Selbstzahlungen nicht herumkommen." Letztendlich sei es also jeder Einzelne, der für eine Gewährleistung der medizinischen Versorgung wird aufkommen müssen.

Als Extrembeispiel führt Meister das Gesundheitswesen in England an. "Ab einem gewissen Alter wird hier eine hochkomplexe Chemotherapie, die mehrere 100.000 Euro kosten kann, als nicht mehr sinnvoll erachtet. Wenn es sich eine 65-Jährige leisten kann, wird sie dennoch behandelt - sonst nicht", sagt Meister zur "Wiener Zeitung". "Da sind wir tief in der Zwei-Klassen-Medizin drin." Und damit in der hochethischen Diskussion, wie lange eine medizinische Behandlung als sinnvoll gilt.

Dass sie teuer ist, hängt mit dem innereuropäischen Kostendruck zusammen. Die holländischen Sozialversicherungsträger haben daher laut Meister einen anderen Weg beschritten: Sie kooperieren mit Kuala Lumpur, Hauptstadt von Malaysien. Weil die Personalkosten dort extrem niedrig sind, werden Patienten, für die der Flug nicht zu strapaziös ist, für bestimmte Operationen ausgeflogen. Inklusive Flug ist die gesamte Behandlung immer noch billiger, als wenn sie im Inland durchgeführt wird. Ein potenzieller Zukunftsmarkt ist Indien. "Inder sind exzellente Ärzte und kosten wenig", so Meister.

Kosten steigen proportional
mit der Alterung

Wie auch immer hierzulande der Umbruch im Gesundheitssystem gestaltet wird - Tatsache ist laut Meister, dass die Gesundheitskosten proportional mit der zunehmenden Alterung der Gesellschaft steigen werden. Aktuell belaufen sie sich auf 10,5 bis 11 Prozent des Bruttoinlandproduktes (BIP), in absoluten Zahlen sind das etwa 35 Milliarden Euro. Der BIP-Anteil in Deutschland und der Schweiz ist ähnlich hoch. Zum Vergleich: In den USA machen die Gesundheitskosten 14 bis 15 Prozent des BIP aus.

Österreichs Gesundheitssystem ist damit immer noch billiger als jenes in den USA. Einer IHS-Studie zufolge ist es allerdings auch relativ ineffizient. Vor allem bei der Wirkung von Maßnahmen an Patienten liegt Österreich im europäischen Vergleich nur im Mittelfeld. Konkret bedeutet das laut IHS-Studie, dass Österreicher mit 59,4 gesunden und beschwerdefreien Lebensjahren rechnen können. Der EU-Durchschnitt liegt bei 60,7 Jahren.

Das Auseinanderdriften von Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten mache das System verhältnismäßig teuer, so die Conclusio. Hier gebe es also noch Potenzial, Geld durch eine effektivere Aufteilung der Kompetenzen zu lukrieren.

Hohe Ausgaben
für private Pillen

Zudem sind wir offenbar bereit, viel für unsere Gesundheit auszugeben - oder zumindest für Präparate, die unter den Sammelbegriff gesundheitsfördernd fallen. Etwa 50 Prozent der Ausgaben für den Arzneimittelverbrauch geben wir Meister zufolge für zusätzliche private Einkäufe aus. Das können Nahrungsmittelergänzungspillen oder Vitamintropfen sein - insgesamt lassen sich das die Österreicher mehrere Milliarden Euro pro Jahr kosten.

Das zeigt, dass ein gewisses Gesundheitsbewusstsein und auch Geld vorhanden sein müssen. Dennoch bleibt es zweifelhaft, ob jemand freiwillig einen höheren Sozialversicherungsbeitrag zahlen wird.