Wien. Friedrich Zawrel ist tot. Der Überlebende des NS-Euthanasieprogramms starb am 20. Februar im Alter von 85 Jahren. Er trug als Zeitzeuge wesentlich zur Aufarbeitung der Verbrechen in der einstigen Heil- und Pflegeanstalt "Am Steinhof", dem Wiener Zentrum der NS-Tötungsmedizin, bei. Die Wiener Stadträtin Sonja Wehsely zeigte sich in einer Aussendung tief betroffen vom Tod Zawrels. "Friedrich Zawrel hat Unglaubliches erlitten. Trotzdem hat er sich von den Greueltaten der Nazis nicht brechen lassen." Mit Zawrel sei ein Überlebender verstorben, der als Spiegelgrund-Opfer unermüdlich Zeugnis über diese Greuel der Nazizeit ablegte und die öffentliche Diskussion über den ehemaligen Arzt der Tötungsklinik "Am Spiegelgrund", Heinrich Gross, in Gang gebracht habe, so Wehsely weiter.

Erste Begegnung mit NS-Arzt Gross


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Gedenkstätte Steinhof
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Zawrel wurde 1929 geboren und wuchs in einem Wiener Arbeiterbezirk auf. Der Vater war Alkoholiker, die Mutter landete nach einer Delogierung auf der Straße. Der kleine Zawrel kam zu Pflegeeltern, dann in ein Heim, schließlich kehrte er wieder zu seiner Mutter zurück.

1940 wurde Zawrel in die Anstalt "Am Spiegelgrund" eingewiesen. Am Spiegelgrund fielen zwischen 1940 und 1945 rund 800 Kinder den Verbrechen der Nazis zum Opfer. Insgesamt wurden in der Anstalt Steinhof, dem heutigen Otto-Wagner-Spital, rund 7.500 Patienten von den Nazis ermordet. Der NS-Anstaltsarzt Gross stufte Zawrel in einem Gutachten als "erbbiologisch und sozial minderwertig" ein, folterte und quälte ihn mit "medizinischen" Versuchen.

Zweite Begegnung

Seinem Peiniger begegnete er in den 1970er-Jahren zufällig wieder. Gross war damals angesehener Gerichtspsychiater - sein Gutachten trug maßgeblich zu Zawrels Haftstrafe bei. Nach mehreren Jahren in der Haftanstalt Stein konnte sich Zawrel rehabilitieren und Gross im Jahr 2000 vor Gericht bringen, das Gerichtsverfahren wurde allerdings wegen einer angeblichen Demenz von Gross eingestellt.

Zawrel trug wesentlich dazu bei, dass die öffentliche Debatte über die gefolterten und ermordeten Kinder vom Spiegelgrund nicht verstummte.
Sein Leben hat in den vergangenen Jahren auch immer wieder zahlreiche Künstler inspiriert. Unter dem Titel "In der Psychiatrie ist es nicht so schön..." montierte Stefan Geszti 2007 "33 Short Cuts aus dem Leben des Friedrich Zawrel" zu einem Monolog. Auch Elisabeth Scharang näherte sich mit den beiden Filmen "Mein Mörder" (2005) und "Meine liebe Republik" (2006) der Biografie Zawrels. Und das Schuberttheater zeigte 2012 das biografische Puppenspiel "F. Zawrel – Erbbiologisch und sozial minderwertig".