Wien. Einschränkung der persönlichen Freiheit durch Überwachung, die ÖIAG, das Image der Gewerkschaften und Inflationsangleichungen: Es sind gewichtige Themen, die ein Grüppchen kritischer Studierender mit Persönlichkeiten wie Gewerkschaftschef Rainer Wimmer oder Walter Peissl vom Institut für Technikfolgenabschätzung von der Akademie der Wissenschaften diskutieren.

Die Rede ist von Studierenden, die regelmäßig Diskussionen, Seminare und Trainings organisieren und sich zu wirtschaftspolitischen Themen austauschen. All das findet im Rahmen der von ihnen gegründeten Wirtschaftspolitischen Akademie (Wipol) statt, einem einjährigen Zertifikatslehrgang. Auf ihrem Blog schreiben die Teilnehmer über Konsumverzicht, Jugendarbeitslosigkeit und den Homo oeconomicus: Die Wipol will wirtschaftspolitische Themen gesamtgesellschaftlich betrachten. Gegründet wurde die Akademie 2007 von einer Handvoll Studierender der Wirtschaftsuniversität (WU) Wien, da ihnen die dort vorherrschenden Wirtschaftstheorien zu einseitig waren.

Es geht um Vernetzung

"Es ist gar nicht so einfach, Studierende zu treffen, die ebenfalls an kritischer Wirtschaftspolitik interessiert sind", sagt Lena Krainz. "Unser Anliegen war es, eine Plattform zu schaffen." Bei einer heißen Schokolade in einem Innenstadt-Café erzählt sie begeistert, wie sie die Inhalte, die ihr an der Universität fehlen, einfach selbst auf die Beine stellt: Beispielsweise hat sie Lisa Mittendrein von der globalisierungskritischen NGO Attac eingeladen, um über Europäische Austeritätspolitik zu debattieren.

Die 20-Jährige studiert Geografie und Russisch an der Universität Wien. Auf die Wipol ist sie durch einen Bekannten gestoßen, im Vorjahr hat sie das Konzept für den aktuellen 7. Jahrgang entwickelt. Sitzt man ihr gegenüber, könnte man glauben, der "angepasste Student" sei nicht mehr als ein Klischee. Dennoch hört man immer wieder von Studierenden, deren Nachfragen in Seminaren sich darauf beschränken, was "prüfungsrelevant" ist.

"Es gibt wirklich viele kritische Studierende, die interessiert sind, gerne studieren und das, was sie machen, ordentlich machen", hält Krainz entgegen. Sie ist seit der Schulzeit an Wirtschaft und Politik interessiert, ihr Lieblingsfach war Geografie- und Wirtschaftskunde. Warum? Was ist das Spannende daran? "Wirtschaftliche Entscheidungen haben Auswirkungen auf uns alle und sind immer politisch motiviert. Mir fällt es schwer, das voneinander zu trennen."

Anwesenheit und Bewerbung

Inzwischen bewerben sich Jahr für Jahr rund 90 Studierende für 50 Plätze der Wipol-Akademie. Bei den Seminaren herrscht Anwesenheitspflicht, weshalb einige im Laufe des Jahres wieder abspringen. Interessierte müssen sich bewerben, doch um aufgenommen zu werden, kommt es nicht auf den eingeschickten Lebenslauf und absolvierte Praktika, sondern am Interesse an wirtschaftspolitischen Theorien an. Online müssen Bewerber dieses unter Beweis stellen, indem sie erklären, wie sie zum Freihandelsabkommen stehen oder was sie von Pflichtmitgliedschaften bei Interessensvereinigung halten.

"Andere Ansichten sind zwar interessant, aber neoliberale Einstellungen passen nicht in unser Konzept", so Krainz. Eine Frauenquote von 50 Prozent wird - "wegen der strukturellen Ungerechtigkeiten" - angestrebt und erreicht, lediglich unter den Endzwanzigern sind es im aktuellen Jahrgang nur 33 Prozent Frauen. Das Gros der Teilnehmer ist zwischen 23 und 25 Jahre alt und steht kurz vor dem ersten Studienabschluss. Viele Studierende kommen von der WU, aber nicht nur. Krainz: "Wir wünschen uns mehr Durchmischung."

München, Graz und Wien

Der einjährige Jahrgang kostet 50 Euro pro Kopf und Jahr, kann man das nicht auftreiben "werden Lösungen gefunden" - die Liste der Kooperationspartner und Sponsoren ist lang. Die Akademie bietet ein Buddy Programm und Lesestipendien wie das Gratis-Jahresabo für "Le Monde Diplomatique" an. Seit 2011 gibt es neben der Wiener Wipol-Akademie Zweigstellen in Graz und München. Der Wipol-Club vernetzt etwa 250 Menschen, einige Veranstaltungen wie die "oeconomania" sind für die breite Öffentlichkeit zugänglich.