Wien. Petra Kellner ist die Älteste von drei Geschwistern und passt an vier Nachmittagen auf die zwei Jüngeren auf. Dann ist ihre Mutter bei der Arbeit, und auch, wenn diese zu erschöpft ist, um sich um den Haushalt zu kümmern, springt die 14-Jährige ein. "Im letzten Winter haben sie uns den Strom abgedreht", erinnert sich Mutter Bettina Kellner, die drei prekären Jobs gleichzeitig nachgeht. Es sei kalt in der Wohnung gewesen, die Kinder hätten wochenlang nicht gelernt. Petra sei mit der Schule und dem Lebensalltag überfordert, häufig krank und müde.

"Viele Jugendliche reagieren mit depressiven Verstimmungen auf belastende und überfordernde Situationen", sagt dazu Martin Schenk, Sozialexperte der Diakonie Österreich. Je früher die "Armutsphase", wie Schenk sie nennt, einsetzt und je länger diese anhält, desto heikler seien die Auswirkungen der Armut: Kopfschmerzen, Nervosität, Einschlafstörungen und Einsamkeit seien möglich. Auch die Schmerzintensität sei zwei- bis dreimal ausgeprägter als jene von Kindern aus bessergestellten Familien. Selbst wer später einmal aus der Armut herauskommt, leide oft unter psychischen Langzeitfolgen.

Österreichs Ausgaben für Gesundheit unter EU-Schnitt


"Steige ich im ersten Bezirk in die U-Bahn ein und im 15. Bezirk wieder aus, dann liegen dazwischen fünf Minuten Fahrzeit, aber auch fünf Jahre Unterschied in der Lebenserwartung", sagt Schenk. Jugendliche und Erwachsene, die in Armut aufgewachsen sind, würden nämlich dreimal so oft an Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Gelenksbeschwerden, Diabetes und psychischen Krankheiten leiden, wodurch sie im Schnitt um fünf bis acht Jahre früher sterben. Armut hängt auch eng mit Bildung zusammen. 19 Prozent der Pflichtschulabsolventen sind armutsgefährdet, unter den Personen mit Lehre sind es elf Prozent und unter den Maturanten 13 Prozent.

Etwa jeder Sechste der Kinder und Jugendlichen ist laut dem aktuellen Bericht zur Lage der Kinder- und Jugendgesundheit in Österreich von Armut betroffen. Konkret sind das 280.000 junge Menschen, 124.000 davon leben in manifester Armut. Das bedeutet: Deren Eltern haben wenig Einkommen und eine schwierige Arbeitssituation, sodass sie sich die Kosten für die Heizung, Lebensmittel und Gewand nicht ausreichend leisten können.

Kinder und Jugendliche machen etwa 20 Prozent der österreichischen Bevölkerung aus. Die Gesundheitsausgaben für sie liegen bei 5,8 Prozent, das ist weniger als der EU-Durchschnitt von 6,4 Prozent. Zum Vergleich: In Deutschland umfasst der Anteil der Gesundheitsausgaben für Kinder und Jugendliche acht Prozent, in Großbritannien zehn Prozent.

Österreich sei das elftreichste Land der Welt - dennoch habe es die OECD bezüglich Kinder- und Jugendgesundheit an die letzte Stelle der EU-Länder gereiht, ergänzt Klaus Vavrik, Präsident der Österreichischen Kinderliga. Unser Land weise die höchste Rate an jugendlichen Rauchern auf und sei bei Suchtentwicklungen, Fettleibigkeit und Gewalterfahrung ganz weit oben. Vavrik fordert daher die Kassenfinanzierung notwendiger Therapien und Heilbehelfe sowie die Abschaffung des Selbstbehaltes.

Zustimmung dafür erhält er von der SPÖ, den Grünen und dem Psychologenverband. Auch Carina Spak pflichtet ihm bei, sie leitet "AmberMed", eine Einrichtung für Menschen ohne Versicherungsschutz. "Während wir anfangs vor allem Asylwerber medizinisch versorgten, ist die Zahl der Österreicher, die bei uns Hilfe suchen, massiv gestiegen. Unter anderem deshalb, weil sie sich den Selbstbehalt für eine Therapie oder Medikamente für ihr Kind nicht leisten können."

"Arm sind alle, die aus dem System hinausgefallen sind"


Zudem werde die Mitversicherung häufig als Druckmittel benutzt. "Falls der erwerbstätige Mann Frau und Kind einfach abmeldet, stehen diese von einem Tag auf den anderen ohne Versicherungsschutz da", sagt Spak.

Das könne der erste Schritt hin zur Armutsgefährdung sein, denn: "Arm sind alle, die aus dem System hinausgefallen sind", so Spak. Und woran merkt man Armut? "Daran, dass Kinder im Dezember keine Socken anhaben. Dass sie in der Schule keine Jause mithaben, oder dass sie mit drei Generationen auf 25 Quadratmetern leben."