Wien. Hilfsorganisationen schlagen Alarm: Aufgrund der demografischen Entwicklung gibt es 10.000 zusätzliche Pflegebedürftige pro Jahr in Österreich. Jährlich werden 1500 zusätzliche Heimplätze und jeweils 1000 zusätzliche Pflege- und Betreuungskräfte sowie Personenbetreuer benötigt, rechnet das Hilfswerk vor.

"Das derzeitige Pflegesystem in Österreich wird in Kürze überlastet sein aufgrund der geburtenstarken Jahrgänge, die nachkommen", warnt Hilfswerk-Präsident und EU-Abgeordneter Othmar Karas (ÖVP). Österreich befinde sich am Beginn eines 30-jährigen Anstiegs mit mehreren Gipfeln, von denen der erste unmittelbar vor uns liege, sagt Franz Kolland, Soziologieprofessor von der Fakultät für Sozialwissenschaften der Universität Wien.

Babyboomer aus dem Jahr 1939


Nach geburtenschwachen Jahrgängen stieg die Geburtenrate vom Jahr 1938 auf 1939 sprunghaft - um 47 Prozent auf knapp 138.000. Im Jahr 1940 gab es sogar über 145.000 Geburten - mehr als bei den Babyboomern der 1960er Jahre. Ab einem Alter von 75 Jahren nimmt der Pflegebedarf massiv zu. Zudem steigt die Lebenserwartung: Die Zahl der Über-95-Jährigen wird sich von heuer bis 2025 auf 22.000 verdoppeln, jene der Über-90-Jährigen um 25 Prozent steigen.

457.821 Personen waren im Jänner 2015 pflegebedürftig, für 2022 geht das Hilfswerk von rund 534.500 Pflegebedürftigen aus. "Durch politische Maßnahmen wie die Erschwerung des Zugangs zu Pflegegeld ab 2015 kann zwar die Zahl der Pflegegeldbezieher, nicht aber die Zahl der Pflegebedürftigen selbst eingebremst werden", sagt Hilfswerk-Geschäftsführer Walter Marschitz.

85 Prozent der Pflegebedürftigen werden derzeit zu Hause betreut, mehr als die Hälfte davon von Angehörigen. Aufgrund steigender Erwerbstätigkeit in der Bevölkerung können immer weniger Angehörige ihre Familienmitglieder pflegen. Das müsse durch mehr mobile Dienste kompensiert werden, so Kolland.

Das Hilfswerk fordert, dass die langfristige Pflegefinanzierung sichergestellt wird. Auch Werner Kerschbaum, Generalsekretär des Österreichischen Roten Kreuzes, sagt: "Die Mittel für Langzeitpflege müssen aufgestockt werden."

Das Hilfswerk fordert eine neue Bund-Länder-Vereinbarung im Rahmen des Finanzausgleichs mit klarer Aufgabenteilung und österreichweit vergleichbaren Rahmenbedingungen. Volkshilfe-Geschäftsführer Erich Fenninger appelliert an Bund und Länder, "in einem Masterplan die pflegerische Versorgung im stationären und mobilen Bereich und die nötige Finanzierung sicherzustellen".

Ein Sprecher des Sozialministeriums meint auf Anfrage: "Auch in Zukunft wird die Finanzierung gewährleistet bleiben." Die Verlängerungen des Pflegefonds bzw. die Finanzierung der Pflege sei Gegenstand der Finanzausgleichsverhandlungen mit den Ländern. Der Anstieg der zu Pflegenden über 2016 hinaus werde berücksichtigt: Für 2017 und 2018 sind jeweils 350 Millionen Euro für den Pflegefonds vorgesehen, nach 300 Millionen Euro für höhere Aufwendungen der Länder für Finanzierung und Ausbau von Pflegeangeboten heuer. Zum Vergleich: Das Hilfswerk rechnet mit rund 150 Millionen Euro Mehrkosten pro Jahr durch den steigenden Pflegebedarf.

Die Volkshilfe will das Risiko Pflegebedürftigkeit gemeinschaftlich absichern. Eine Pflegeversicherung sollte man ernsthaft diskutieren, so Marschitz vom Hilfswerk. Ein Rechtsanspruch auf Pflege könnte aber das System verteuern und die Motivation der Angehörigen, zu pflegen, senken.

Zu wenig Personal


Mit dem Pflegebedarf steigt auch der Personalmangel. Bis 2025 wird der Bedarf an Langzeitpflege in Österreich um 23.000 Vollzeitäquivalente höher liegen als derzeit, prognostiziert Kerschbaum. "Wir haben zu wenig Pflegepersonal für den derzeitigen Bedarf", so Karas. Neben einer zeitgemäßen Ausbildung sei eine bessere Bezahlung nötig, um Pflegeberufe attraktiver zu machen. Fenninger fordert "einen großen Wurf, der eine Reform der Ausbildung beinhaltet". Die Reform müsse auch auf mobile Pflege Bezug nehmen. Derzeit stehe das Krankenhauspersonal im Fokus.