Im IS-Gebiet erwartet Frauen ungeschminkte Kriegsrealität. - © corbis
Im IS-Gebiet erwartet Frauen ungeschminkte Kriegsrealität. - © corbis

Wien. Ginge es nicht um Nordsyrien und die Terrororganisation IS, die dort tötet, köpft und vergewaltigt, die Geschichte der 16-jährigen Eva aus Wien (Name der Redaktion bekannt und geändert) wäre ein Fall für Doktor Sommer und "Bravo".

Mädchen verliebt sich, "heiratet" - nach islamischem Ritus -, will gegen den Willen der Eltern mit "Ehemann" ins Ausland, bleibt zurück, weil die Mutter den Pass versteckt. In der Zwischenzeit versucht sie, Weggefährten des Geliebten zu verkuppeln. Dann wagt sie die Ausreise und wird vom Staat gehindert.

Nun ist das gelobte Land eben das Territorium des IS, der "Ehemann" ein Tschetschene, der sich laut Verfassungsschutz in Syrien zum Kämpfer ausbilden hat lassen, und der Weggefährte, für den Eva gekuppelt haben soll, der angeklagte Syrien-Rückkehrer Oliver N.

Deswegen hat die Staatsanwaltschaft Wien die 16-jährige Konvertitin nach dem Terrorparagrafen 278 b, Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung, angeklagt. Die Anklageschrift liegt der "Wiener Zeitung" vor.

Mitangeklagt ist der 18-jährige Ali (Name geändert). Er soll mit dem "Ehemann" von Eva in Kontakt gestanden und ihm in Aussicht gestellt haben, mit seiner ebenfalls nach islamischem Ritus angetrauten "Ehefrau" in das IS-kontrollierte Gebiet auszureisen. Er sitzt nach wie vor in U-Haft. Eva, die diese trotzig in Burka absaß, ist mittlerweile auf freiem Fuß. Sowohl Eva als auch Ali waren zum Zeitpunkt ihrer Festnahme arbeitslos.

Der Prozess wird ein Schlaglicht auf den Braut-Tourismus nach Syrien werfen. Dieser weiblichen Seite des Dschihad haben erstmals Samra K. und Sabina S. ein Gesicht gegeben. Ihre von Interpol veröffentlichten Bilder gingen um die Welt. Ihnen kann in Österreich nicht der Prozess gemacht werden. Sie haben es nach Syrien geschafft. Ob und wo beide leben, ist ungewiss.

Zumindest 17 Frauen und Mädchen haben bisher Österreich verlassen, um in das Gebiet des "Islamischen Staates" (IS) im Irak und in Syrien zu gelangen. Insgesamt sollen knapp 200 Personen ausgereist sein. Sieben Mädchen und Frauen sind wieder zurückgekehrt, drei weitere an der Ausreise gehindert worden, gab Innenministerin Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) im Februar bekannt. Sieben der Frauen waren zum Zeitpunkt der Ausreise minderjährig.

Der Prozess ist auch deswegen spannend, weil er mit zwei anderen Dschihad-Prozessen eng verknüpft ist. So wird die Staatsanwaltschaft den 16-jährigen Oliver N. vorladen. Der Lehrling, der bei Kämpfen Milz, eine Niere und einen Teil der Lunge verlor, sitzt in U-Haft. Er soll aus Syrien mit IS-Propaganda-Videos zum Terror aufgehetzt und Ex-Kollegen bedroht haben.

Eva soll mit diesem Oliver N. in regem Kontakt übers Internet gestanden haben. "Sie kontaktierte (. . .) Mitte Dezember 2014 über WhatsApp (. . .), wobei sie sich insbesondere über die Lebensverhältnisse als Frau im IS erkundigte", heißt es in der Anklageschrift. Er soll ihr Tipps für die Ausreise gegeben und sie gleichzeitig gebeten haben, ihm eine (weitere) Ehefrau zu vermitteln. Sie habe ihm nach anfänglichem Zögern ihre Hilfe bei der Brautschau zugesichert. Eva soll auch "mehrfach nachgefragt" haben, ob "Frauen auch kämpfen" könnten, und ihr Missfallen bekundet haben, als Oliver N. verneinte.

Der Verteidiger des angeblich geläuterten Oliver N. will für ihn haftmildernde Umstände erwirken und ihn als Kronzeugen auftreten lassen. Allerdings gibt es erste Zweifel an seinen Angaben aus dem Kampfgebiet, etwa über das Ableben des bekannten Austro-Dschihadisten Firas H.

Die zweite Verästelung: Im Prozess wird der bosnisch-stämmige Prediger Mirsad O. alias "Ebu Tejma" zur Sprache kommen. Ali soll im Herbst 2014 eine Moschee besucht haben, in der O. predigte. Gegen ihn wird wegen des Verdachts, Kämpfer für IS rekrutiert zu haben, ermittelt. Er sitzt in U-Haft. Für alle im Artikel genannten Personen gilt die Unschuldsvermutung.

Der Anwalt der 16-jährigen Konvertitin, Wolfgang Blaschitz, wird auf nicht schuldig plädieren und pubertäre Irrungen ins Treffen führen. Die Handlungen von Eva seien eindeutig im "straflosen Vortatbereich" des Terror-Paragrafen angesiedelt, meint er. "Das waren pubertierende Mädchenträume eines 16-jährigen Dirndls. In diesem Alter ist man für vieles begeisterungsfähig, ohne zu reflektieren. So schnell, wie man emotional oben ist, ist man auch wieder unten. Unter anderen Umständen würde sie heute rappend durch die Stadt gehen."