Wien. Sie sind schlechter integriert als ihre Eltern und Großeltern; österreichische Werte wie Demokratie, Gleichberechtigung und Konsens sind für sie uninteressant, weil Ehre, Kampf und Machokult zählen; nicht jeder Jugendliche ist gleich integrierbar: Dieses Bild zeichnete der Strafverteidiger Rudolf Mayer in der "Wiener Zeitung" von jungen, männlichen Migranten. Er sieht seine Berufserfahrung aus den vergangenen 30 Jahren bestärkt durch Dschihadisten, die nach Syrien gehen, oder die jüngsten Fälle von türkischen oder tschetschenischen Jugendbanden.

Back Bone: Vom Quartier geht es in die Parks, um das Gespräch mit Jugendlichen zu suchen. - © S. Jenis
Back Bone: Vom Quartier geht es in die Parks, um das Gespräch mit Jugendlichen zu suchen. - © S. Jenis

Mayers Thesen haben für eine lebhafte Diskussion in unseren Foren gesorgt. Die Reaktionen reichten von breiter Zustimmung bis hin zur Kritik, dass Mayer als Strafverteidiger den Fokus automatisch auf "Problemfälle" lege und dramatisiere.

Einen ähnlichen Fokus wie Mayer, aber einen ganz anderen Zugang haben Wiens Sozialarbeiter. Manuela Synek ist seit 22 Jahren Streetworkerin und leitet Back Bone im 20. Wiener Bezirk. Fabian Reicher zieht für Back Bone durch die Straßen und Parks und schaut, wo es Jugendliche zwickt.

Steigende Jugendgewalt ist Medienkonstrukt

"Von den Jugendlichen, die wir in den Parks und auf den Straßen aufsuchen, lässt sich nicht auf ‚die Jugend‘ schließen. Aber selbst unter unseren rund 500 Burschen und Mädchen, mit denen wir regelmäßig in Kontakt stehen, werden höchstens zehn Prozent straffällig. Die werden von den Medien herausgegriffen. Die Zunahme der Gewalt auf den Straßen ist empirisch nicht belegbar. Sie ist ein Konstrukt des Boulevards. Nehmen Sie die Goldenberg-Gruppe in Favoriten. In der Zeitung liest man von 140 Mitgliedern. Aber wie viele davon wurden wirklich straffällig und wie viele finden diese Form der Selbstinszenierung einfach cool? ,Banden‘ gab es immer. Wer war in seiner Jugend nicht in einer Gruppe? Der Großteil der Zuwanderer will einfach ganz normal leben, über diese wird aber nicht berichtet. Die meisten Tschetschenen, die wir kennen, sind Österreich extrem dankbar, dass sie hier aufgenommen wurden. Einer hat zuletzt einen Wiener Poetry Slam gewonnen. Haben Sie davon gehört? Wurde darüber berichtet? Eben."

Extremismus ist meist nur Prahlerei

"Unter den 211 ,Austrodschihadisten‘ sind nur zehn Jugendliche, also unter 18-Jährige. Trotzdem wird immer von radikalisierten Jugendlichen gesprochen. Den Jugendlichen, die zu uns kamen und sagten, sie würden jetzt runterfahren, haben wir geantwortet: Fahr nicht, wir wollen nicht, dass Dir etwas passiert. Sie waren dankbar für unsere Sorge. Das ist wie beim Suizid. Solange ich nur über Suizid rede, ist die Gefahr nicht so groß, ihn tatsächlich zu begehen. Wenn sie wirklich runtergehen wollen, reden sie auch nicht mehr drüber.

Nach Syrien zu gehen kommt ja einer suizidalen Handlung von Menschen gleich, die im Leben scheitern. Die meisten Jugendlichen wollen mit Sprüchen über den IS bloß schockieren, auf sich aufmerksam machen, sich abzugrenzen oder prahlen. So wie andere mit einer Rauferei angeben. Wer will nicht Held sein in der Jugend?

Burka ist auch Punk

"Jugendliche wollen provozieren, das ist keine Frage von Ethnien. Mit einem Tattoo, einem Minirock oder als Punk mit aufgestellten Haaren schaffst du das heute nicht mehr. In den 90er Jahren zogen sich Jugendliche Bomberjacken und Springerstiefeln an und freuten sich, wenn Passanten die Straßenseite wechseln. Heute lassen sich manche einen Bart wachsen oder ziehen sich eine Niqab an (Vollverschleierung ähnlich der Burka, Anm.). Das ist Provokation und kann bei 14- bis 16-jährigen Mädchen aber auch eine Schutzfunktion haben, wenn sie Veränderung ihres Körper gerade massiv verunsichert. Die meisten Mädchen, die wir kennen, legten die Niqab dann wieder ab, weil sich die Verhaltensmuster abschleifen. Deren Mütter, die Kopftuch tragen, finden die Vollverschleierung oft genauso furchtbar wie die meisten anderen Österreicher und sagen: Das gehört nicht zum Islam."

Je mehr "der Islam" angefeindet wird, desto mehr identifizieren sich Jugendliche.

"Wenn muslimische Jugendliche zu uns in die Betreuungseinrichtung kommen, fragen sie oft, ob sie beten können. Da geht es ihnen ums Prinzip, ob wir sie so akzeptieren, wie sie sind. Die wenigsten beten dann wirklich bei uns, es geht ihnen um die Anerkennung. Die Kids wachsen mit ,dem Islam‘ als eine bei ihnen wichtige Tradition mit vielen Verhaltensregeln für den Alltag auf. Mit anderen Menschen mit denen sie das teilen, fühlen sie sich solidarisch. Je stärker ,ihr Islam‘ angegriffen wird, desto mehr solidarisieren sie sich mit ihm. Da geht es nicht um Fundamentalismus, sondern um Gerechtigkeit. Die ,Daham statt Islam‘-Plakate der FPÖ haben da ihre Wirkung entfaltet.

Viele Menschen sind auf der Suche nach dem Sinn des Lebens. Buddhismus oder Esoterik boomen in bürgerlichen Schichten. Was ist verkehrt, wenn Jugendliche bei ihrer Sinnsuche auf den Islam setzen? Der ist für sie ja positiv besetzt."

"Die meisten Zuwanderer, die wir kennen, teilen die Werte der Österreicher wie Toleranz, soziale Chancengleichheit, Menschenrechte, Emanzipation. Und für den Großteil der Muslime sind ihre private Religion und die österreichische Demokratie sehr gut vereinbar.