Wir halten uns nicht an die Werte, die wir selbst einfordern
Doch leben wir die Werte auch vor, die wir einfordern? Wenn 16-jährige Lehrlinge uns erzählen, dass sie auf der Baustelle 50 Stunden pro Woche hackeln wie Sklaven, ohne Überstunden zu bekommen? Wenn ein türkischer Name in der Bewerbung ein Ausschließungsgrund ist? Wenn wir österreichische Staatsbürger erst zu Türken machen und sie ausschließen, indem wir ihre Herkunft ständig betonen? Wenn gegen Flüchtlinge gehetzt wird, obwohl Asyl ein Menschenrecht ist? Wenn muslimische Schüler sofort nach den Anschlägen in Paris in Aufsätzen das Satiremagazin ,Charlie Hebdo‘ mit seinen Mohamed-Karikaturen verteidigen müssen, obwohl sie die Karikaturen ablehnen? Warum genügt es nicht, die Morde zu verurteilen?

Zur Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau: Es muss nicht immer Respektlosigkeit sein, wenn Burschen Frauen nicht die Hand geben. In manchen Ländern gilt genau das als Beleidigung, etwa in Japan.

Wir sagen unseren Jugendlichen, dass es bei uns als unhöflich gilt, einen Handschlag zu verweigern. Oder wir leben ihnen vor, dass auch Männer Geschirrspüler einräumen. Wir kennen auch keine Mädchen, deren Eltern den Schwimmunterricht verweigern.

Wenn die ,archaischen‘ Werte der Ehre und die verkrusteten Rollenbilder als Integrationsbarriere kritisiert werden: Auch bei uns gab es in bäuerlichen Gegenden bis in die 70er noch Verwandtschaftsgesellschaften, die über Ehrkulturen organisiert waren. Und verkrustete Rollenbilder, bei uns nur etwas versteckter, weniger sichtbar, gibt es noch immer. Im Gender Gap Report liegt Österreich übrigens auf Platz 36, gleich hinter Malawi.

Wir wollen nichts verharmlosen, sondern die andere Seite aufzeigen, die Seite der ,leisen Mehrheit‘."