Plakat vor der Kirche in Gnadendorf, Niederösterreich. - © Markus Göstl
Plakat vor der Kirche in Gnadendorf, Niederösterreich. - © Markus Göstl

Wien. Grundsätzlich stehen die meisten Kirchen Österreichs ja täglich, zumindest aber an Sonn- und Feiertagen zum Besuch von Gottesdiensten oder zum Gebet offen. Einmal im Jahr aber laden sie in besonderer Weise zum Überschreiten ihrer Schwellen ein, in der vor elf Jahren eingeführten "Langen Nacht der Kirchen". Sie findet heuer am 29. Mai statt, an 743 Orten zwischen Bodensee und Neusiedler See werden insgesamt 3103 Programmpunkte angeboten.

Die Lange Nacht gilt längst als gemeinsames Erfolgsprojekt der 16 im Ökumenischen Rat der Kirchen in Österreich (ÖRKÖ) vertretenen christlichen Glaubensgemeinschaften. Im Pressegespräch zur Langen Nacht unterstrich der derzeitige ÖRKÖ-Vorsitzende Lothar Pöll, Superintendent der Evangelisch-methodistischen Kirche in Österreich: "In aller Buntheit ist ein Geist der Einheit zu verspüren. Wir treten nicht auf als Konkurrenten, wir machen keine Werbeveranstaltung für die eigene Konfession, sondern wir bezeugen, dass wir einander in versöhnter Verschiedenheit ergänzen."

Verfolgung und Kriegsende


Offiziell eröffnet wird die Lange Nacht um 18 Uhr mit einem ökumenischen Gottesdienst mit Vertretern aller 16 Kirchen in der methodistischen Kirche im 15. Wiener Bezirk (Sechshauser Straße 56). Die Predigt hält der aus der Schweiz angereiste methodistische Bischof Patrick Streiff.

Der Blick auf verfolgte Christen in aller Welt bildet einen besonderen Schwerpunkt im Programm der diesjährigen Langen Nacht in Wien. Schon um 17.15 Uhr soll sich vom Wiener Stephansplatz der traditionelle Schweigemarsch der Organisation "Christian Solidarity International" (CSI) in Richtung Josefsplatz in Bewegung setzen. In der dortigen Augustinerkirche beginnt um 17.50 Uhr mit einem Gottesdienst ein dichtes Programm zur Thematik "Christenverfolgung heute - Christenverfolgung anno dazumal". In Breitenfeld (1080, Florianigasse 70) wird die aktuelle Lage in Syrien thematisiert. In der Mechitharistenkirche (1070, Neustiftgasse 4) und in der Armenisch-Apostolischen Kirche (1030, Kolonitzgasse 11) gedenkt man des Genozids an den Armeniern vor 100 Jahren.

Ein zweiter Schwerpunkt ist dem Gedenken an das Jahr 1945 und den Holocaust gewidmet, wobei unter anderem das Verhältnis von Juden und Christen im Erzbischöflichen Palais (1010, Stephansplatz 7), die Aufarbeitung der NS-Zeit in der Lutherischen Stadtkirche (1010, Dorotheergasse 18) und zwei Lesekreise zu Dietrich Bonhoeffer und zur Theologie nach Auschwitz (1010, Club Stephansplatz 4) besonderes Interesse verdienen. Illustre Runden diskutieren in der Franziskanerkirche (1010, Franziskanerplatz 4) über Religion und Gesellschaft und Europas Friedensvision nach 1945 sowie in der Hofburgkapelle (1010, Schweizer Hof) über Staat und Religion in Österreich.

Die Vielfalt der Veranstaltungen im ganzen Land ist groß. Sie reicht von Diskussionen über Ausstellungen, Führungen, Konzerte und Lesungen bis zu Gottesdiensten und einer Reihe spiritueller Angebote.

In der Steiermark führt die Pilgertour "Tief hinunter & hoch hinaus" vom Grazer Kanalsystem zu interessanten Kirchen und auf den Hubschrauberlandeplatz des Landeskrankenhauses. In der Diözese St. Pölten kochen von der Kirche betreute Asylwerber Spezialitäten aus ihren Heimatländern für die Gäste. Zum Tiroler Angebot gehört das Thema Flucht und Heimat. In Linz dürfte die Lichtintervention "Chromotopia Mariendom" der Künstlerin Victoria Coeln im Mariendom ein Höhepunkt werden.

Auf Licht bezieht sich auch das heurige biblische Motto aus dem Psalm 139: "Finsternis wäre für Dich nicht finster, die Nacht würde leuchten wie der Tag." Dazu passend laden im Burgenland Bischof Ägidius Zsifkovics und der evangelische Superintendent Manfred Koch zu einem "Sternstunden"-Gottesdienst nach Neusiedl am See.

International Schule gemacht


Breiten Raum nimmt überall die Musik ein - vom Gregorianischen Choral bis zu Gospel und Pop. Eine wirklich "Lange Nacht" bietet traditionell Wiens älteste Kirche St. Ruprecht (1010, Ruprechtsplatz 1), wo das Programm "Mit Taize durch die Nacht" erst um sieben Uhr Früh zu Ende geht.

Die "Lange Nacht der Kirchen" hat längst international Schule gemacht. Nach österreichischem Vorbild findet sie heuer auch in Südtirol, Ungarn, der Slowakei und sogar in Estland statt. Besonders stark wurde die Idee in Tschechien aufgegriffen, wo sich heuer fast 1500 Kirchen daran beteiligen.