Wien. "Haha :D im Parlament gibts noch Rohrpost.. das Whatsapp der ältesten Abgeordneten;)" Mit diesen Sätzen hatte sich der jüngste Abgeordnete im Parlament, Julian Schmid (Grüne), bereits im Vorjahr über die aus seiner Sicht antiquierte Methode des Transports zylindrischer Büchsen durch ein Rohrsystem mittels Druckluft amüsiert. Doch ist sie das wirklich? Ganz im Gegenteil, meint dazu Walter Sumetzberger, Rohrposthersteller und Eigentümer der Ing. Sumetzberger GmbH in Simmering. "Die Rohrpost ist nicht am Ende und nicht veraltert. In gewissen Bereichen erlebt sie sogar eine Renaissance."

"Instandhaltung zu teuer"

Tatsache ist, dass die Rohrpostanlage des Parlaments dem Umbau zum Opfer fallen wird. Mit diesem soll 2017 begonnen werden. Gerhard Marschall, der im Parlament für den Umbau zuständig ist, bestätigt im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" bereits kursierende Gerüchte: "Die Instandhaltung der Rohrpost wäre zu kostenintensiv. Wir streben einen Modernisierungsschub an." Das bedeutet: 2020, wenn das Parlament in das sanierte Gebäude am Ring zurückziehen wird, wird es keine Rohrpost mehr geben. Die Datenübermittlung wird dann laut Marschall nur noch elektronisch oder per Hauspost erfolgen.

Sumetzberger kann diese Entscheidung nicht nachvollziehen. Gerade jetzt, da die Zunahme an Hackerangriffen den Fortschritt der elektronischen Medien relativiere, müsse man sich der Vorteile der Rohrpost bewusst werden. "Wir erhöhen ständig die Sicherheitsstandards unserer Anlagen", ergänzt Exportdirektor Peter Friedrich. Nur Berechtigte könnten diese mit Ausweis betätigen. Zusätzlich befinde sich ein Chip in jeder Büchse, um zu wissen, wann und wo sich diese bewegt.

Wer Rohrpost mit verstaubten Büros und überalterten Angestellten in Verbindung bringt, irre gewaltig. Ein großer Teil der 286 Mitarbeiter des Betriebes sei allein mit der Software-Entwicklung beschäftigt, so Friedrich. Für die modernsten Systeme brauche man fast kein Personal mehr, sie seien zu 80 Prozent vollautomatisch. In der Praxis kann man sich das so vorstellen: Ein Arzt fordert Medikamente an, ein Roboter stellt sie zusammen und gibt sie in die Rohrpost, und eine Schwester nimmt sie in Empfang. Und zwar in kürzester Zeit - gefüllte Büchsen flitzen mit etwa drei Metern pro Sekunde durch die Rohre.

Zu 70 Prozent in Spitälern

Für bestimmte Transportgüter sei die Rohrpost daher noch immer nicht wegzudenken, sagt Friedrich. Für Blutproben etwa, weshalb auch 70 Prozent der Anlagen in Krankenhäusern gebaut würden. Das 1921 gegründete Familienunternehmen sei in 56 Ländern präsent, 90 Prozent der Ware würden exportiert. In Österreich gibt es neben Sumetzberger einen kleineren Anbieter in Salzburg. Vergleichbare Konkurrenten sind zwei Unternehmen in Deutschland und zwei in den USA. Eine durchschnittliche Anlage kostet eine Million Euro, dutzende Kilometer Rohr werden dafür verlegt.

Im Krankenhaus Nord, das in Floridsdorf errichtet wird und 2017 in Betrieb gehen soll, wird es jedenfalls eine Rohrpost geben. "Gerade für dringend benötigte Lieferungen wie Medikamente ist sie ideal", sagt Projektleiter Peter Plundrak. Durchschnittlich 100 Hülsen mit 400 Proben sollen künftig pro Stunde bearbeitet werden. Krankengeschichten und Röntgenbilder, wie man sie früher ebenfalls durch die Rohre schoss, würden heute allerdings nur noch digital verschickt.

Auch beim Chemie-Konzern Metadynea Austria auf dem Gelände der ehemaligen Krems Chemie setzt man auf Rohrpost. "Früher hatten wir einen Mitarbeiter, der vier Mal am Tag die Anlage abgefahren hat und alle Proben in Kübeln gesammelt und zugestellt hat. Mit der Rohrpost geht das jetzt effizienter", sagt Andrea Köhldorfer, Leiterin der Qualitätskontrolle. Büromaterial werde aber nicht mehr verschickt. "Das funktioniert über E-Mails."

Leichenrohrpost abgelehnt

Franz von Felbinger stellte seine Idee des pneumatischen Leichentransports 1875 in der "Gartenlaube" vor. Später bauter er Rohrpostanlagen in den europäischen Hauptstädten.
Franz von Felbinger stellte seine Idee des pneumatischen Leichentransports 1875 in der "Gartenlaube" vor. Später bauter er Rohrpostanlagen in den europäischen Hauptstädten.

Die Rohrpost hat also offensichtlich ihren Anwendungsbereich nicht verloren, sondern verlagert - und erobert in Zukunft vielleicht sogar ganz neues Terrain: den Menschentransport. Der Unternehmer Elon Musk stellte 2013 in den USA seine Idee für ein Massentransportmittel vor: den Hyperloop, bei dem auf Luftkissen schwebende Passagierkapseln in 35 Minuten durch Rohre zwischen Los Angeles und San Francisco sausen (600 Kilometer). Mittlerweile hat sich bereits eine Firma gefunden, die das 7,5 Milliarden Dollar teure Projekt (5,5 Milliarden Euro) umsetzen würde.

Eine weitere, viel ältere Idee zweier Österreicher wurde indes nie verwirklicht: der Leichentransport im pneumatisch betriebenen Tunnelsystem zwischen Bestattungshalle und Wiener Zentralfriedhof, wie ihn Ingenieur Franz von Felbinger und Architekt Josef Hudetz 1874 vorschlugen. Das Projekt wurde aus weltanschaulichen Gründen abgelehnt.